Gibt es das überhaupt noch: Natur? Die Antwort ist zweifelhaft geworden, besonders in der dichtbesiedelten Mitte Europas. Wo uns in bunten Prospekten Landschaft angepriesen wird, da vermuten wir (zumeist mit Recht) die vom rührigen Verkehrsverein zusammengebastelte Kulisse.

Zwei vom Staat lange Zeit stiefmütterlich behandelte, ihm seit eh und je gestellte Aufgaben beanspruchen immer stärker das Interesse seiner Bürger: Naturschutz und Landschaftsschutz. Wir erwarten von der Regierung oder dem Bezirkspräsidenten, daß sie weitere Naturschutz- oder Landschaftsschutzgebiete schaffen; und wir ahnen, daß es sonst mit der Natur und der Landschaft bald zu Ende gehen wird. Wir wollen sie wenigstens als musealen Gegenstand erhalten. Das ist beileibe keine Barbarei; auch der Freund der Antike ist kein Feind der Altertumsmuseen.

Wer die nordamerikanischen Nationalparks kennt, oder die in England, Belgien, Holland, Schweden oder in der Schweiz, Polen und Japan, wird sich vielleicht auch einen deutschen Nationalpark wünschen. Es besteht sogar schon ein Plan eines Europäischen Nationalparks, eines Schutzgebietes, das die Grenzen möglichst vieler Staaten überschneidet. Das Grenzland zwischen Eifel und Ardennen bietet sich an.

An Stelle des einen deutschen Nationalparks beschäftigen jedoch zwanzig Naturpark-Projekte die zuständigen Behörden der Bundesrepublik, seit Alfred Toepfer, der Präsident des Vereins Naturschutzpark e. V. Stuttgart (gegründet 1909), dem der bisher einzige Naturschutzpark der Bundesrepublik in der Lüneburger Heide (200 Quadratkilometer) gehört, bei einer Kundgebung des Vereins in Bonn im Jahre 1956 großräumige Oasen der Stille forderte. Sie sollen die Menschen vor ihren eigenen Taten schützen und Stätten der Erholung von der Hetze des heutigen Lebens sein. Die Einrichtung dieser "Oasen der Stille" ist Ländersache. Der Bund hat 100 000 Mark im Jahre 1956, 250 000 Mark im Jahre 1957 dafür bereitgestellt. Alfred Toepfer hat für das Haushaltsjahr 1958/59 10 Millionen für die Verwirklichung dieser Pläne gefordert, die zur Zeit von den Landesplanungsämtern dahin geprüft werden, ob den Vorschlägen nicht Interessen der Landesverteidigung, des Verkehrs, der Industrie und der Siedlungsabsichten im Wege stehen und wie alle diese Interessen zu vereinigen seien. Das Bundesernährungsministerium läßt diese Fragen zur Zeit von dem Bundesinstitut für Raumforschung in Godesberg prüfen. Es soll feststellen, welche Räume als Naturparks in Frage kommen.

Hier ist es an der Zeit, den Unterschied zwischen den schon geläufigen Begriffen Naturschutzgebiet, Naturschutzpark und dem neuen Naturpark zu klären. In den Naturschutzgebieten, meist kleineren Räumen, wird die unberührte Natur vor den Menschen geschätzt, weil dort seltene Pflanzen oder geologisch interessante Entwicklungen vor der Zerstörung bewahrt werden sollen.

Der Naturschutzpark – es gibt nur einen davon in der Lüneburger Heide – ist ein Sonderfall. In diesem großräumigen Gebiet sind der Landwirtschaft gewisse Beschränkungen auferlegt. Der Gebrauch von Motorrädern und Traktoren ist verboten. Ein Teil des kultivierten, von der Landwirtschaft genutzten Bodens ist in Heide rückverwandelt worden.

Dem Naturschutz im engeren Sinhe und dem davon zu unterscheidenden Landschaftsschutz dienen die Bestimmungen des Reichsnaturschutzgesetzes vom 26. Juni 1935. Dreierlei soll nach diesem Gesetz grundsätzlich geschützt werden: Pflanzen oder nichtjagdbare Tiere, Naturdenkmale und ihre Umgebung, endlich Naturschutzgebiete. Pflanzen und nichtjagdbare Tiere, die überall "unter Naturschutz gestellt" sind, werden in den Durchführungsverordnungen zu diesem Gesetz einzeln aufgeführt: Federgras. Orchideen, Seidelbast, Edelweiß, Hirschkäfer. Eidechsen, Feuersalamander, Fledermäuse, Igel, Blindschleichen, um nur einige davon zu nennen.