Vor allem der Klang seiner Stimme wird – so „glaube ich – uns, den alten Freunden, ganz gegenwärtig bleiben, solange wir leben. Er sprach sanft, leise, ein bißchen heiser. Und darin schwang so viel Herzlichkeit und Vertrauen wie Zurückhaltung und Toleranz. Manchmal müssen Journalisten hart hinter ihren Themen her sein, so daß sie schon aufdringlich erscheinen. Ernst von der Decken jedoch, seit den zwanziger Jahren ein führender Mitarbeiter des Ullstein-Hauses in Berlin, nach dem Kriege aber stellvertretender Chefredakteur der Welt am Sonntag in Hamburg, war die Zurückhaltung selbst. Und gerade dies öffnete ihm den Zutritt überallhin. Er war der vollendete Gesprächspartner: wissensreich, vielerfahren und humorvoll, und da er das Herz dazu hatte, Vertrauen zu schenken, wurde ihm selbst Vertrauen geschenkt. Er war ein ritterlicher Mensch und der vollendete Gentleman. Im Alter von 63 Jahren ist er jetzt in Hamburg gestorben.

Die von der Deckens sind sächsische Edelleute, und Ernst stammte aus Dresden. In den ersten Weltkrieg zog er als Kavallerie-Offizier: blutjung, romantisch, als hätte Rilke ihn ersonnen, mit Versen auf den Lippen und Musik im Herzen. Manchmal erzählte er davon und wie er nach dem Kriege abgesessen war und zum Kreise jener jungen Leute gefunden hatte, die den Expressionismus auf ihre Fahnen geschrieben hatten. Die Poesie, die Kunst (selbst in der Gestalt des Films, an den als eine mögliche, wenn auch selten verwirklichte Kunstform er glaubte) waren treuer als die Pferde. Der Berufssoldat wurde Schriftsteller und Journalist.

Ernst von der Decken hat die Welt und speziell die Welt des Films (inklusive Hollywood) als ruhiger, wohlwollender Betrachter, der seine Ironie nur selten zeigte, gründlich kennengelernt. Da er gelegentlich von seinem Aufenthalt in Cannes zur Zeit der Filmfestspiele auch für die ZEIT berichtete, wird mancher Leser unseres Blattes in den Dank einstimmen, der hier voller Trauer ausgesprochen sei: ein Dank für Jahrzehnte der Freundschaft. Josef Müller-Marein