Von Walter Abendroth

München, im März

Ich will kein moderner Künstler sein, ich brauche die Tradition", sagte Oskar Kokoschka anläßlich der Eröffnung der bisher umfangreichsten Ausstellung seiner Werke: Im Münchener "Haus der Kunst" präsentiert sich der Ertrag seines Schaffens in überwältigender Fülle. Da diesmal, im Gegensatz zu der kleineren Überschau von 1950, auch die in amerikanischem Besitz befindlichen Bilder gezeigt werden, dürfte dem Beschauer kaum ein wesentliches Stück vorenthalten sein.

Kokoschka war im Grunde genommen immer nur auf der Entdeckungsreise nach der letztmöglichen Aussage. Da dies aber im Namen einer nie abgebrochenen Tradition geschah, entstand ein Lebenswerk von objektiver Gültigkeit, von nahezu altmeisterlicher Unanfechtbarkeit. Die Tradition, um die es dabei geht, ist gewiß in erster Linie eine rein malerische, handwerkliche. Sie ist aber auch eine geistesgeschichtliche. Ihr Stil war von der barocken Nachlese des österreichischspanisch-flämischen Weltreichs Karls V. vorherbestimmt.

Das spezifisch Barocke ist es, das in Kokoschkas Kunst, so revolutionär sie auch einmal erscheinen mochte, immer entschiedener in den Vordergrund drängte. In seinem letzten Anlauf zur Monumentalität überschlägt es sich bisweilen und scheint die Form mehr zu sprengen, als es die Schöpfungen der sogenannten "expressionistischen" Epoche taten.

Kokoschka wehrt sich ausdrücklich dagegen, als "Expressionist" oder sonst ein "– ist" angesprochen zu werden. Sein naives Selbstbewußtsein darf man wohl gelten lassen angesichts einer so großartigen Leistungsschau, auch wenn er sich dazu hinreißen läßt, zeitübliche Polemiken auf erheiternd persönliche Weise aufzugreifen: etwa von Malereien zu sprechen, die "unter kosmischen Einflüsterungen" stünden und bei denen dennoch "immer nur Krawattenmuster" herauskämen.

Nun, der Maler Kokoschka hat zeitlebens der kosmischen Einflüsterungen nicht bedurft, wohl aber selbst einen künstlerischen Kosmos geschaffen. Ob der in dem späten Typ der monumentalen Allegorie gipfelt, mag bezweifelt Verden dürfen (von grausiger Sprachkraft ist freilich die rein ästhetischer Wertung unzugängliche Anklage: "What we are fighting for" von 1943).