Von Johannes Jacobi

Im internationalen Theater vollzieht sich – mindestens versuchsweise – etwas, das in der bildenden Kunst, zum Teil auch in der Literatur und in der Musik, schon längst den Kontakt zwischen dem kunstliebenden Publikum und künstlerischen Schöpfern gefährdet hat. Es ist die Zertrümmerung überlieferter Formen. Daß in diesem „Modernisierungs“prozeß das Theater „nachhinkt“, sicherte ihm bisher den Zulauf der vielen.

Beim Ansturm des Avantgardismus, dem jeder Theaterleiter heute wenigstens informationshalber die Tore öffnen muß, entsteht eine Dialektik, die so nur im Theater möglich ist. Einerseits wurde eine „klassische“ Dramaturgie, die von Aristoteles über Lessing bis Ibsen gegolten hat, unbrauchbar. Man kann mit ihr eine Wirklichkeit nicht mehr im Drama erfassen, die den Menschen als tragische Persönlichkeit ausgelöscht hat, die ihn zum Opfer anonymer Zeitmächte degradiert. Es gibt keine „Helden“ mehr, weil der „Gegenspieler“ aller ringenden einzelnen heute nicht personifizierbar und ohne jeden metaphysischen Rang ist. In der Praxis des Theaters bedeutet das den Übergang vom Akte-Drama zur episierten Bildfolge, zum Stationen-Stück.

Andererseits hat es das Theater in einem Maße mit den Menschen zu tun, wie andere Künste kaum. Die Malerei mag auf alle natürlichen Gegenstände als Symbolträger verzichten können; für die Bühne ist der Mensch nicht wie dort nur Subjekt und Objekt der Kunst; er ist auch ihr Medium, und zwar eben in der Gestalt des Schauspielers. Er verträgt vielleicht eine perspektivische Verkürzung, keinesfalls jedoch die Entmaterialisation. An dieser Stelle wird die Grenze der Formzertrümmerung sichtbar, sofern Theater Theater bleiben soll.

Die Avantgardisten behaupten, sie wüßten das, ja, sie befreiten das Theater von seiner herkömmlichen „Neigung zu langem Reden“. Sie wollen im Theater „die Dinge nicht betrachten, sondern darstellen.“ „Im echten Theaterstück“, sagt Arthur Adamov, „drückt die Gebärde, die Haltung, der Körper das aus, was die Sprache allein nicht auszudrücken vermag.“

Anläßlich früherer Aufführungen ist beobachtet worden, daß Autoren wie Ionesco und Beckett Spielformen entwickelt haben, die aus mimischen Impulsen ein kritisches Proträt des modernen Lebens ermöglichen. Nun kommt Nachschub aus der Etappe. Er strapaziert das neue Prinzip. Im Zeichen solch theoretisierenden Avantgardismus’ standen die zwei jüngsten Premieren ausländischer Autoren in Deutschland.

Im Darmstädter Landestheater fand die Uraufführung eines Stückes in zwei Teilen, „Die Heuschrecken“, von dem Italiener Ezio d’Errico statt; im Celler Schloßtheater die deutsche Erstaufführung des französischen Szenariums in zwölf Bildern, „Das Rendezvous“, von Arthur Adamov. Beide Werke sind im Vergleich mit Ionesco und Beckett Konfektionsware. Aber, daß der Avantgardismus nun schon von der Stange zu beziehen ist, diese irritierende Selbstverständlichkeit verlangt nach einer Unterscheidung: Was ist daran nur modisch und „neu“, was ist fruchtbar?