Fabrikant im "Luftkurort" – Zum Wohl der Gemeinde? – "... ein dreckiger Verlierer"

o. f., BendestorfBleiben Sie doch auf dem Teppich, meine Herren" – mit dieser Formulierung, die im niedersächsischen Filmdorf und Luftkurort Bendestorf seit langem zu einem geflügelten Wort geworden ist, mahnte August Wilhelm Wucherpfennig, der zweite Bürgermeister, seine zehn Gemeinderatskollegen am Montagabend immer wieder zur Sachlichkeit gegenüber dem jüngst "abberufenen" 71 jährigen Bürgermeister Karl Nolte, der heute Steuerberater ist und bis 1934 Lehrer im Ort war. Und Wucherpfennig fügte seiner Mahnung noch hinzu: "Wir müssen nun endlich wissen, was wir eigentlich wollen."

Das freilich müssen die Herren des Gemeinderats – denn jenes geflügelte Wort ist auch ein böses Wort in Bendestorf, und es gab den Anstoß dazu, daß der Rat vor einigen Tagen seinen seit zwölf Jahren amtierenden Bürgermeister plötzlich absetzte, weil es ein reicher Mann so verlangte – ein Mann, der mit 45 000 Mark zusätzlichen Steuergeldern für die Gemeindekasse lockte.

Dieser Mann heißt Hans Gesche, ist Inhaber der "Planta"-Margarine- und Speisefettfabrik in Hamburg, "König der Hausierer" genannt, weil er seine Ware durch vierhundert kleine Vertreter direkt an den Kunden absetzt. Er kaufte sich vor zwei Jahren für 135 000 Mark in Bendestorf von dem Filmarchitekten Carlos Dudek die traumschöne Villa "Monte Carlos". Gesche und Nolte pflegten zunächst ein gutnachbarliches Verhältnis, denn ihre Grundstücke grenzten aneinander; nur ein Zwei Morgen großes Feldstück schob sich keilförmig dazwischen, und der Besitzer wollte es sich durchaus nicht von Gesche für ein anderes, drei Morgen großes abhandeln lassen.

Hans Gesche stellte schon bald ein Schild "Durchfährt verboten" vor der Villa auf, um in Ruhe seinen astronomischen Studien im halbrunden Turmzimmer des Obergeschosses nachgehen zu können; er taufte das Haus in "Irmenhof" um und schenkte es seiner Frau. Für sie, die passionierte Reiterin, ließ er auch mit Planierraupen in den steilen Hügelabhang hinein einen Longierplatz ebnen. Nichts war ihm zu teuer, denn er liebt seine Pferde – und natürlich seine zweite Frau.

Und seine Frau Irmgard, die einst Mannequin war, liebt Bendestorf, seit sie den Ort im Kriege als Luftwaffenhelferin Fräulein Hahn kennenlernte. Beide Gesches lieben also ihre Pferde und schätzen ihre Büroangestellten als Menschen, die in frischer Landluft noch besser arbeiten können. Dem Fabrikanten ist es auch zu umständlich, nach Hamburg zu fahren, und so läßt er künftig seine 30 Bürokräfte mit einem Bus aus der Stadt nach Bendestorf holen und zurückbringen. Er kaufte ein Nachbargrundstück mit dem alten Restaurant "Fernsicht", um Pferde und Büro darin unterzubringen. Und als man entdeckte, daß dies Haus noch von 23 Flüchtlingen belegt war, "entdeckte" man auch, daß es schon längst baufällig sei.

Auf Grund einer Baufälligkeitserklärung durften die Einwohner bevorzugt ausquartiert werden. Dennoch ging es mit einem Wohnungsneubau für die Flüchtlinge nicht so schnell, wie Bürgermeister Nolte versprochen hatte. Nicht einmal Ausweichquartiere waren in genügender Zahl so eilig zu