Von René Drommert

Die Geschichte, auch die Theatergeschichte, simplifiziert so sehr, daß es einen jammern könnte. Von einem gewissen Thespis, der im Jahre 534 vor Christus in Athen das erste Trauerspiel aufgeführt haben soll, wird berichtet, er habe von einem Wagen herab gespielt: nämlich von dem seither recht bekannten Thespis-Karren. Es wird aber zum Beispiel schon nicht berichtet, ob er in seinem Gefolge so etwas wie einen Hans Weigel gehabt habe: eine leibhaftige Präfiguration jenes Wiener Theaterkritikers, der jüngst (im "Monat", Heft 112) auf einer Beerdigung, die gar nicht stattgefunden hat, ein Requiem sang, ein Requiem auf das deutschsprachige Theater.

Ich wette eins zu zehn: auch Thespis hatte einen Weigel. Thespis muß irgendeinen Griesgram, irgendeinen Pessimisten gehabt haben, der seinem Prinzipal ständig in den Ohren lag und sagte: Mit dem Theater, Meister, ist es zu Ende. Es ist tot, wenn es auch in "euphorischer Scheinlebendigkeit" durch Griechenland gekarrt wird.

Wer mir nun, als ein "Realist", entgegnen wollte, ich sei ein Phantast, dessen Phantasie möchte ich doch ein wenig mit folgender Überlegung anregen: Es ist doch denkbar, daß im Gedächtnis der künftigen Geschichte von unserer Zeit bleiben werden, nun sagen wir: Wilder, Barrault, Gründgens, Sellner. Aber unsere männliche Wiener Kassandra von 1958?

Weigel ist – durchaus zu Recht – sehr gelobt worden. Er hat nicht ohne Grund ein Prunkgemälde der Untugenden des Theaters und seiner modernen Gefahren gegeben. Er hat die Saturiertheit und die Scheinkonjunktur beschrieben, er hat die Gefahren aufgezeichnet, die vom Film, vom Bildschirm des Fernsehens und vom Funk drohen, er hat von der entsetzlichen Dezentralisation gesprochen, er hat die Aufsplitterung künstlerischer Arbeit geschildert. Dieses Schreckgespenst, genannt Termine. Und nun bekommt das Gemälde auch so etwas wie Perspektive, Tiefe und psychologische Bedeutung. Weigel hat vor allem ein sehr wichtiges Moment berücksichtigt, den Menschen. Das heißt: den Menschen im Schauspieler, den Menschen im Regisseur, den Menschen im Theaterleiter, auch jenen Menschen, der, von mehr Ruhm und höheren Gagen verblendet, just das tut, was nicht bekommt: ihm nicht, dem Theater nicht, uns Theaterbesuchern nicht. Während in Wien Weigel sein Requiem singt, singen andere Kalkulatoren (sostenuto) ein weit freundlicheres Lied. Es handelt sich um drei, die nicht "von außen" kommen, die nicht Theoretiker sind, die das Theater als Praktiker ganz genau kennen – es sind Will Quadflieg, Maria Becker und Robert Freytag. Und nicht zufällig komme ich auf sie, denn es gilt, eine Geburt anzuzeigen. Das Neugeborene heißt "Die Schauspieltruppe", hat seinen Sitz in Berlin und ist das wiedererstandene Unternehmen des Herrn Thespis: ein Wandertheater.

Was kann, fragt man sich, so namhafte Schauspieler veranlassen, sich in die Aventüre eines Wandertheaters zu stürzen, wo es ihnen doch an Angeboten nicht fehlt, wo es, im Gegenteil, eher darauf ankommt, sich vor Angeboten zu "retten"? Auch sie handeln in einer gewissen Notlage. Auch sie hören die Kassandrarufe, die ja nicht nur aus Wien kommen. Auch sie kennen, nein, sie leiden unter den Gefahren, Hindernissen und Fallgruben des heutigen Betriebes. Auch sie wissen (um Weigels Begriffe zu zitieren) von den "Darstellungsautomaten", die einst Schauspieler waren, von den "Vorstellungsfabriken", die einst Theater waren.

Und sie sehen die Mißstände, die Weigel sieht, nicht weniger deutlich. Sie sehen sie vermutlich noch schärfer. Aber gerade, weil das Theater in tausend Fällen steril geworden ist, weil es von unkünstlerischen Kräften gegängelt und genötigt und vermanagert wird, glauben sie, daß die Idee des Theaters auch anders verwirklicht werden könne.