London, Mitte März

Die Politiker und Wahldemoskopen rätseln noch immer daran herum, welche Rückschlüsse sich im einzelnen aus dem Nachwahlergebnis im schottischen Wahlkreis Kelvingrove auf die Haltung der britischen Wähler zu den großen politischen Parteien ziehen lassen.

Man braucht freilich kein Statistiker zu sein, um dieses eine sofort sagen zu können: dem Prestige der Konservativen hat die Wahl, bei der ihr Kandidat unterlag und der Labour-Bewerber zum Zuge kam, erneut einen schweren Schlag versetzt. Ihr Stimmenanteil ging um 13 v. H. zurück. Und dies ist die dritte Nachwahl, die sie seit dem Amtsantritt Macmilläns im Januar 1957 verloren haben ...

Zugegeben – die Wahlbeteiligung in Kelvinghove war geringer als bei der letzten Wahl; zugegeben auch, daß die Wähler bei Nachwahlen gemeinhin unbekümmerter gegen die Regierung protestieren als bei allgemeinen Parlamentswahlen, wo sie Regierung und Ministerpräsident zu bestellen und nicht nur über einen Bewerber zu entscheiden haben. Dennoch fällt es den Regierungsanhängern schwer, angesichts des Ergebnisses von Kelvingrove die Ruhe zu bewahren.

Andererseits hat allerdings auch die Labour Party keinen Grund zum Jubel. Denn obwohl ihr Kandidat gewann, haben sie gegenüber der Parlamentswahl von 1955 fast 2000 Stimmen verloren – und das trotz der Tatsache, daß es im Wahlkampf hauptsächlich um das neue Mietgesetz gegangen war, das den Hausbesitzern bei der Festlegung der Mieten freiere Hand läßt als bisher und von dem die Sozialisten erwartet hatten, es werde bei den Mietern leidenschaftliche Empörung auslösen. Es ist unverkennbar: wie sehr auch die Popularitätskurve der Regierung gefallen ist – der Labour Party strömen deswegen noch lange keine neuen. Wähler zu.

Noch ein Weiteres wird aus dem Ergebnis von Kelvingrove ersichtlich: daß nämlich das Verlangen nach einer "dritten Kraft" zwischen den bilden großen Parteien immer stärker wird. Zwei unabhängige Kandidaten haben sich recht gut geschlagen; ohne ihr Dazwischentreten hätte die Regierungspartei vielleicht sogar das Feld behaupten können. Wie weit dieses Verlangen nach der "dritten Kraft" sich schon durchgesetzt hat, ist die Frage, die eine weitere Nachwahl am 27. März – diesmal in Westengland – beantworten wird. Dort kandidiert im Unterschied zu Kelvingrove ein waschechter, hundertprozentiger Liberaler. Wenn er die Wahl gewinnen sollte, eröffneten sich für die Regierung in der Tat düstere Aussichten. Michael Davie