Von Karl August Horst

Das Abenteuer ist, was einem widerfährt, was hinzukommt, was als Dreingabe geschieht, etwas, ohne das man nicht hätte auskommen können." Das Wort stammt von Jacques Rivière, und Wladimir Weidle zitiert es in seinem großen Essay über das Schicksal der modernen Kunst und Literatur an einer Stelle, wo er von dem Verlust jenes Ewigkindlichen spricht, das sich in Leben und Kunst unvorhersehbar wie die Melodie entfaltet. Die innere Verwandtschaft zwischen Abenteuer und Kindlichkeit erblickt er darin: daß hier wie dort nichts aus Berechnung geschieht, daß die Zukunft grenzenlos offensteht, daß jede hinzukommende Begegnung die innere Wandlung und Erneuerung herbeiführen kann.

Rivieres Definition des Abenteuers bestätigt sich in jedem Punkt, wenn wir dem Leben von Hugo Ball nachgehen. Nichts bringt ihn uns als Menschen so nahe wie seine Briefe:

"Hugo Ball, Briefe 1911–1927." Benziger Verlag, Köln. 315 S., 16,80 DM.

Der Band, von Hermann Hesse eingeleitet und von Balls Stieftochter Annemarie Schütt-Hennings herausgegeben, ist wie alles, was mit ihm zusammenhängt, ein Werk inniger Verbundenheit. Es war vielleicht eines seiner größten Verdienste, daß er in schroffem Gegensatz zum organisierten Betrieb diese Atmosphäre schöner Menschlichkeit überall um sich geschaffen und zu erhalten gewußt hat.

Wer das Lebensbild kennt, das Emmy Ball-Hennings, diese kindlich-geniale Frau, feinfühlig von ihrem Manne entworfen hat, und wer es mit ihren Briefen an Hermann Hesse (Suhrkamp-Verlag, 1956) zusammenhält, der kennt die Stationen dieser gemeinsamen Lebensreise: kurz vor Ausbruch des ersten Weltkriegs der Anfang in München; Wiedersehen der beiden Emigranten in Zürich, wo sie in dem berühmt gewordenen "Cabaret Voltaire" auftraten und fast unversehens den Dadaismus aus der Taufe heben; die Begegnungen mit Tristan Tzara, Hans Arp, Richard Hülsenbeck, Leonhard Frank, René Schickele und Klabund, schließlich die selbstgewählte Einsamkeit im Tessin, wo Ball sein Werk "Byzantinisches Christentum" und sein Buch über Hermarin Hesse schrieb. Nur wer begriffen hat, daß es ihm auf die Möglichkeit des Wunders ankam, findet keinen Widerspruch darin, daß der Herausgeber eines Bakunin-Breviers und der Kritiker der deutschen Intelligenz sich späterhin der Philosophie der Heiligen zuwandte und in der Dämonologie des Mittelalters ein positives Gegenstück zur Psychoanalyse seiner Zeit fand.

Immer war er Mißverständnissen ausgesetzt. In einem Brief an seine Schwester schreibt er: "Ihr liebt nicht und könnt nicht erlöst werden, solange ihr über eure Feinde siegen wollt, statt sie zu lieben. Solange ihr nicht Mitleid mit euch selbst und allen Unterdrückten habt. Ihr wollt eure Feinde aber ja nicht einmal kennen. Was ich hasse, ist die Macht und alles, was sie begünstigt, statt die Armen zu begünstigen. Ich will arm sein, versteht Ihr mich? Ich will leiden, ich will mich nicht drücken. Ich bin kein Drückeberger."