Vor den Toren der Weltstadt Hamburg liegt ein Erholungsgebiet, das der Autofahrer meistens durchrast oder umfährt. Seitdem der Naturschutzpark um den Wilseder Berg für jeden motorisierten Verkehr gesperrt worden ist, scheint die Heide für Wagenbesitzer völlig uninteressant geworden zu sein. Sie streben südlicheren Gefilden zu. Sie wissen allerdings nicht, daß sich 40 oder 50 Kilometer südlich von Hamburg Wochenend-Gelegenheiten bieten, die nur ein Minimum an Fahrzeit erfordern.

Kennen Sie zum Beispiel Hanstedt? Es gibt deren drei. Wir meinen nicht "Hanstedt I" oder "Hanstedt II", sondern schlicht Hanstedt. 30 Kilometer fährt man die Autobahn in Richtung Bremen, bis man in die neue Abzweigung, die einmal nach Hannover führen soll, bis Thieshope einbiegt Dann geht es noch 10 Kilometer auf zwar schmales und "runden", aber geteerten Straßen weiter.

Hanstedt ist für die Osterfeiertage ausverkauft. In der Hauptsaison kommen außer Hamburgers auch Bremer Gäste und – Berliner. Diese müssen bei ihren weiten Anfahrten besonders auf Preiswürdigkeit sehen. Außerdem fühlen sie sich an die verschlossene brandenburgische Umgebung erinnert. Große Seen gibt es hier zwar nicht; aber zwischen kleinen Wasserläufen locken Kiefern- und Laubwälder. Das Gelände um den Hummelsberg (106 Meter) ist wellig. Die Heide bietet auf diese Weise, auch wenn sie nicht blüht, immer neue Blickpunkte. Wacholder- und andere Strauchgruppen beleben eine Landschaft, die ein passionierter Wanderer als ideal empfinden muß, Obwohl Hanstedt an Geschäften und Ärzten besitzt, was zu einem Fremdenverkehrsort gehört, wird keine Kurtaxe erhoben. Es gibt einen "Dorfkrug", einen "Heidekrug" und einen "Schinkenkrug", dazu noch ein paar Hotel- und Privatpensionen. Die Vollpension kostet zwischen 9 und 12, für Tagesgäste das Bett 5 Mark. Auch wenn Hanstedt voll besetzt ist, begegnen sich die Spaziergänger kaum im Gelände. Von hier aus startet je nach Bedarf die "Postkutsche", mit der man seit dem vorigen Sommer, von vier Hannoveraner Pferden gezogen, in das unmittelbar angrenzende Naturschutzgebiet fahren kann.

Diese neueingerichtete Art, sich altertümlich fortbewegen zu lassen, macht die Geschichte der Landschaft lebendig. Im 17. Jahrhundert, als die "Reichspost" des Grafen von Thurn und Taxis aufkam, führte eine Linie von Kassel nach Hamburg über Sahrendorf. Der alte Posthof mit Schleifspuren auf dem Sandsteinbrunnen erinnert noch daran, daß in den Jahren 1713 und 1716 Zar Peter der Große hier haltgemacht hat. Des russische Zar reiste zwar als Gast und auf Kosten des Kurfürsten von Hannover, dem die Bauern Gespanne und Reitpferde zu stellen hatten. Dieselbe Route schlugen jedoch auch die Postwagen ein, in denen Handelsleute und Beamte durchgerüttelt wurden. Solch eine "Straße" war bis zu einem Kilometer breit, ohne Schotter oder Pflaster. Man bekommt eine ungefähre Vorstellung jener "Straße", wenn man die eigenmächtigen Fahrbahnen sieht, die heute von englischen Tanks in den Sandboden gewühlt werden. Auch die schweren Frachtwagen jener Zeit durchbrachen die Heidenarbe. War eine Spur zu tief ausgefahren, dann zog sich der nächste Wagen eine neue.

Die wieder eingerichtete Postkutsche ist dagegen ein bequemes Fahrzeug. Sie hält etwa an der Waldschänke in Undeloh, wo man Gelegenheit hat, eines der ältesten Bauwerke der Heide, die sagenumwobene Kirche von Undeloh, zu betrachten, die von Erzbischof Ansgar im 9. Jahrhundert gegründet worden sein soll. Sie besitzt ein Kruzifix aus dem Jahrel220.

Einen freistehenden, hölzernen Glockenturm, wie in Undeloh, hat auch die Dorfkirche von Egestorf. Hier sieht man mindestens am Unterbau noch die für das Gebiet typische Form der Kirchen aus Feldsteinen. Das Dorf hat sich einen stimmungsvollen Mittelpunkt um seine Kirche geschaffen: Inmitten von christlichen Grabkreuzen, die wie alte Hünengräber angeordnet sind, steht eine Trauerweide. Ein schwerer Findlingsblock stellt auf dem Kirchhof das Kriegerdenkmal dar. Egestorf empfiehlt sich für Wanderer als Urlaubsstation. Der Ort bemüht sich um seine Gäste. Man hat einen "Dorfpark" als Naturschutzgebiet und ein Schwimmbad angelegt. Die Wandergründe erstrecken sich rund um den Ahrberg (143 Meter), auf dem ein Fernsehturm steht. Wer ihn umwandert, nach Osten bis Eyendorf oder in die Gegend von Salzhausen, der entdeckt reizvolle Ausblicke. So, wenn plötzlich neben dem Fernsehturm auf einer anderen Anhöhe eine alte Windmühle beherrschend ins Gelände tritt. Diese Landschaft ist nicht so sehr für Spaziergänger, als für echte Wanderer mit festen Schuhen und Knotenstock, die gern auch eine halbe Stunde durch Wiesengrund gehen, bevor sie in den schattigen Wald eintreten.

Es gibt Urlauber, die sich in der Geschäftsstelle des Verkehrsvereins von Bispingen ausdrücklich bedanken, wenn sie den Ort verlassen. Die Gastlichkeit in fast zwei Dutzend Privatpensionen, wo man 8 Mark für Unterkunft und volle Verpflegung zahlt, hat dem unscheinbaren Ort an der oberen Luhe viele Freunde eingetragen. Sie werden noch zahlreicher werden, wenn erst die Autobahn von Hamburg nach Hannover fertig ist. Dann liegt Bispingen ideal: wenige hundert Meter von der Abfahrt entfernt. Die Ruhe um das strohgedeckte Pfarrhaus, die im 14. Jahrhundert gegründete Kirche aus Findelsteinen und das moderne Schwimmbad dürfte dann vollkommen sein.