Die gegenwärtige Ergiebigkeit des Kapitalmarktes hat die Zentrale Bankenkommission offenbar bewogen, das bislang recht scharf gehandhabte System der Emissionsrationierung etwas zu lockern. Wenn man die in Aussicht stehenden neuen Anleihen addiert, so kommt man für die nächsten drei Monate auf einen Betrag von mehr als einer Milliarde DM. Seine Aufbringung wird die zeitweise überhitzt scheinende Tendenz auf dem Rentenmarkt beruhigen. Eine weitere Abkühlung wird eintreten, wenn die ersten Nachzahlungen auf die Steuererklärungen für 1956 geleistet werden müssen, denen die für 1957 ziemlich unmittelbar folgen werden. Das Bundesfinanzministerium schätzt diese Nachzahlungen auf 1,8 Mrd. DM. Das ist zwar ein großer Brocken; da er jedoch nicht auf einmal fällig wird, dürfte seine Realisierung wohl dämpfen, jedoch kaum zu einem mehr oder weniger scharfen Kursverfall bei den festverzinslichen Papieren führen. Immerhin gibt die Bankenkommission durch ihre großzügigere Rationierungspolitik zu erkennen, daß sie langfristig an einen Anleihezinsfuß von 6 1/2 v. H. nicht glaubt.

Die 7 1/2prozentige Anleihe der Farbwerke Hoechst war trotz des hohen Anleihebetrages von 100 Mill. DM schon vor dem offiziellen Zeichnungsbeginn ausverkauft. Die Banken boten ihrer Kundschaft statt dessen die 7 1/2prozentige Anleihe des Landes Bayern im voraus an, die noch zu 97 1/2 v. H. herauskömmt, also um 1/2 v. H. billiger als Hoechst. Man sieht, daß der Staatskredit immer noch an zweiter Stelle rangiert. Für die Hoechster Emission war wieder reges Interesse aus der Schweiz zu beobachten. Die Ausländer sind noch immer geneigt, deutsche Aktien in hochverzinsliche Rentenpapiere umzutauschen. Dazu mag die Unsicherheit beitragen, die durch die Lohnverhandlungen (mit Streikdrohungen) ausgelöst wird. Auch die inländischen Anleger halten sich vom Aktienmarkt weitgehend fern. Wenn die Kurse dennoch gut gehalten sind, dann liegt es daran, daß die Arbeitgeber nicht mehr geneigt sind, weitere Lohnzugeständnisse zu machen. Andererseits wird auch das herauskommende Material sehr schnell aufgenommen, weil die Spekulation für die meisten Marktgebiete wieder Chancen sieht.

Am empfindlichsten ist zur Zeit der Montanmarkt. Wenn ein etwaiger Streik in der Stahlindustrie auch erst nach Ostern erwartet wird und bis dahin noch Zeit für eine Einigung bleibt, so verkennt doch niemand, daß die Streikgefahr keineswegs überwunden ist. Man weiß überdies, daß viele Gesellschaften Lohnerhöhungen nur zu Lasten ihrer Rentabilität machen können. Es ist jedoch kein Grund vorhanden, generell in Pessimismus zu machen. Das zeigen die Abschlüsse der Stahlwerke Südwestfalen und der Hüttenwerke Siegerland. Wenn sich die Lohnsituation in der Stahlindustrie wieder beruhigt hat, wird die Börse mit ziemlicher Sicherheit zu einer größeren Kursstabilität zurückkehren, zumal dann, falls sich die jetzigen Konjunkturbefürchtungen als übertrieben herausstellen sollten. Übrigens: auffällig gut halten sich die Aktien der Gutehoffnungshütte. Hier wird eine Kapitalerhöhung im Verhältnis 4:1 nicht für ausgeschlossen gehalten, und zwar noch in diesem Jahr.

Spekulativ gesucht sind die IG-Farben-Liquis (siehe "Gespräche am Bankschalter") und auch die Ver. Stahl-Liquis, die jetzt nur noch zu 5,25 v. H. erhältlich sind. Weitere Objekte des Berufshandels sind die Gratisaktien-Aspiranten, deren Liste von Tag zu Tag verlängert wird. Zu den für eine Gratis-Aufstockung in Frage kommenden Papieren gehört auch Daimler, wo sich jetzt eine Bewertung von 425 v. H. ergibt. Das Unternehmen hat seit der Währungsreform das Kapital unverändert gelassen und den gesamten Wiederaufbau ‚aus eigener Kraft" finanziert. Das allein würde schon einen hohen Kurs rechtfertigen. Hinzu kommt jedoch noch das Vorhandensein von drei Großaktionären (Flick, Quandt und Deutsche Bank), von denen der eine oder andere noch Zukaufe vorzunehmen scheint. Sehr fest lagen auch Schultheiß-Aktien. Wie wir schon kürzlich berichteten, wird bei der Berliner Brauerei versucht, ein Paket zusammenzustellen. Bislang war dort kein Großaktionär vorhanden. Bei Schultheiß läuft in diesen Tagen die Bezugsrechtnötiz.

Wenn die Versicherungsaktien weiterhin zu steigenden Kursen gesucht sind, dann liegen dem ebenfalls Aufstockungshoffnungen zugrunde. Dabei wird man in vielen Fällen wohl anstreben, die früheren RM-Kapitalien, die bei der DM-Umstellung stark reduziert wurden, wieder zu erreichen. Kurt Wendt