Was sagt dies alles für den "Anastasiaprozeß" aus? –

Dem Historiker geht es stets nur darum, die Zusammenhänge der Ereignisse und die Motive und Ziele der geschichtlich wirksamer Persönlichkeiten zu ermitteln. Aktuelle Auseinandersetzungen geben ihm zwar oft die Impulse, diesem oder jenem Ereignis der Vergangenheit nachzuspüren. Aber mit seinen Erkenntnissen will und darf der Historiker weder Verteidiger sein, noch Staatsanwalt oder gar Richter. Um so mehr ist es ihm eine elementare Aufgabe, zur Klärung aktueller Probleme beizutragen – im politischen Leben wie auch in manchem, was sonst die Öffentlichkeit bewegt.

Meine Untersuchung dürfte gezeigt haben, wie sehr der deutschen Regierung im ersten Kriegsjahr daran gelegen war, mit dem zaristischen Rußland einen Sonderfrieden abzuschließen. Dabei hatte der Großherzog von Hessen-Darmstadt einen besonderen Anteil. Es ist ihm in dem Streit um die Identität der Prinzessin Anastasia vorgeworfen worden, daß er die behauptete Reise nach Rußland nur deshalb abgestritten habe, weil er nicht in den Verdacht landesverräterischer oder gar separatistischer Umtriebe geraten wollte. Aber dieses argumentum e silentio dürfte im Falle des hessischen Großherzogs damit erledigt sein, daß erstens seine Bemühungen um den Frieden gar nicht abzustreiten sind und daß vor allem – wie wir sahen – damals fast jedermann, der etwas in der Außenpolitik zu sagen hatte, um einen Sonderfrieden mit den Russen bemüht wir: Kaiser Wilhelm II., der deutsche Reichskanzler, sein Außenminister, die Oberste Heeresleitung, der österreichische Generalstabschef, aber auch Männer der Wirtschaft wie Ballin und Mankiewitz. Später waren es Stinnes und Warburg; und von Anfang an war es Großadmiral v. Tirpitz. Die Aktionen erhielten – wie bekannt – ihre pikante Fortsetzung, als die deutsche Regierung im April 1917 Lenin nach Rußland schickte und alsobald die bolschewistischen Revolutionäre mit Geld versorgten, damit sie die Regierung der Februar-Revolution beseitigten, die – am Bündnis mit der Entente festhaltend – den Krieg gegen Deutschland fortsetzt. Es war jene liberale Opposition, gegen die die Zarin und Rasputin angekämpft hatten...

Inmitten dieser Schicksalsfragen der Weltgeschichte steht nun ein persönliches Problem, das heute die Öffentlichkeit bewegt: die Frage ob "zwei Menschen" – wie das Fachwort heißt – "personengleich" sind: jene unglückliche Unbekannte, von der der Berliner Polizeibericht am 16. Juni 1920 meldete, daß sie "in selbstmörderischer Absicht in den Landwehrkanal sprang" und nach der Rettung durch einen Polizeiwachtmeister jegliche Auskünfte über ihre Person oder die Motive der Tat verweigerte. Und dem gegenüber die Zarentochter, die zu den Unglücklichen gehört, die in der Nacht vom 16. zum 17. Juli 1918 in Jekaterinenburg von den Schüssen, Bajonettstichen oder Kolbenhieben des bolschewistischen Exekutionskommandos getroffen wurden...