Wir rufen das gesamte deutsche Volk auf, sicheiner lebenbedrohenden Rüstungspolitik zu widersetzen ... Wir werden nicht Ruhe geben, solange der Atomtod unser Volk bedroht." – Das sind die Kernsätze eines Aufrufes, mit dem der "Arbeitsausschuß Kampf dem Atomtod" am Sonntag einige tausend Frankfurter zu seiner erster öffentlichen Kundgebung rief. Die Versammelten wollten von den acht Rednern – dem SPD-Yorsitzenden Erich Ollenhauer, der Abgeordneten Helene Wessel, dem DGB-Vorsitzenden Willi Richter, dem evangelischen Theologen Prof. D. Vogel, dem Physiker Prof. Dr. Weizel und den drei Schriftstellern Stefan Andres, Robert Jungk und Engen Kogon – vor allem erfahren, wie sie sich der Atomrüstung widersetzen sollten, mit welchen außerparlamentarischen Mitteln, welchen Aktionen. Als die Redner auf diese Frage keine Antwort gaben, schwollen von Viertelstunde zu Viertelstunde die Zwischenrufe mächtig und mächtiger an: "Generalstreik, Generalstreik..." Und als der DGB-Vorsitzende Richter seine Rede abschloß, ohne auf die Zwischenrufe eingegangen zu sein, rief man ihm von der Galerie aus zu: "Schickt ihn doch wieder aufs Podium, wir wollen den Generalstreik!" Der Beifall für Richter war schwach.

Der erste, der auf die Zwischenrufe einging, war Dr. Robert Jungk. Er verzichtete auf sein Manuskript. Er hatte trotz stockenden Vortrags den stärksten Beifall. Er sagte: "Generalstreik? Ich bin kein Gewerkschaftsführer, und ich weiß nicht, ob die Gewerkschaften den Mut haben ..." Ein Intermezzo. Aber sofort fügte Erich Ollenhaüer in sein vorbereitetes Redemanuskript, an das er sich im übrigen wörtlich hielt, die Worte ein: "Nicht nur nach dem Generalstreik rufen..." So wurde et an dieser Stelle denn auch vom tosenden Applaus unterbrochen, so daß der unverbindliche Nachsatz: "... sondern im Alltag die Gesinnung bekunden", völlig unterging. Die Versammlung hatte ihn mißverstanden; sie glaubte, er wolle zur Tat rufen, zum Generalstreik ...

Kein Wunder, daß ein Dutzend Journalisten auf einer anschließenden Konferenz zu erfahren suchten, wie es denn eigentlich mit dem Generalstreik stehe.Der DGB-Vorsitzende stellte sich stocktaub. Sogar, als die Fragen immer vorsichtiger formuliert wurden: ob er sich denn persönlich innerhalb des DGB-Vorstandes für eine Erörterung des Themas einsetzen wolle und, was er über die Einstellung der einzelnen Gewerkschaften in der Frage wisse, antwortete er mit einer Aufzählung von Resolutionen gegen den Atomkrieg, die mit den gestellten Fragen kaum etwas zu tun hatten. Endlich wollte ein Zeitungsmann wissen, ob Richter den Generalstreik an sich für ein legitimes Kampfmittel halte. Und Richter erwiderte – und zwar erst dann, als die Beantwortung dieser Frage nach geraumer Zeit angemahnt wurde –, er sei kein Jurist, er wisse nur, daß man den Generalstreik 1920 für legitim gehalten habe...

Diesen Generalstreik gegen die Putschisten-Regierung Kapp führte er noch einmal an. Robert Jungk nämlich präzisierte seine schon in der Kundgebung geäußerten Zweifel am Mut der Gewerkschaftsführer, indem er auf "verpaßte Gelegenheit" des Jahres 1933 hinwies. Und Richter erwiderte, man habe aber doch 1920 Mut gezeigt...

Nach alledem hatte man den Eindruck, daß Richter an den fast schon mythisch gewordenen Generalstreik – 1920 war nun einmal das letzte gültige Beispiel! – selbst nur mit halber Seelenkraft glaubte. Anders aber sein Kollege Kummernus von der ÖTV-Gewerkschaft. Anders auch Helene Wessel, Robert Jungk und die vielen Journalisten, die der Opposition nahestehen; ihre Fragen waren meist Vorhalte an Willi Richter; und die Warnung, es dürfe nicht wieder bei papiernen Protesten bleiben wie bei der Paulskirchen-Aktion gegen die EVG, klang immer wieder durch.

Ergebnis: Ollenhauer und Richter sprechen zwar von "außerparlamentarischen Kampfmitteln" gegen die Atomrüstung, denken dabei aber an Resolutionen. Aber hinter ihnen stehen einige tausend Funktionäre, die ganz anders denken. Und ihre Losungen kommen bei ihrem Publikum weit besser an als die vorsichtigen Formulierungen Ollenhauers und Richters.

Wer aber ist dies Publikum? Auch wenn es "nur" acht Millionen DGB- und SPD-Mitglieder sein sollten, auch wenn kein Generalstreik daraus wird, muß man darauf gefaßt sein, daß wir innerpolitischen Bewegungen entgegengehen, an denen gemessen unsere bisherigen Wahlkämpfe wie beschauliches Biedermeier wirken. Heinrich David