Von Felix Morley

Washington, Ende März

Wenn Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard. nach seinem kurzen Besuch in die Vereinigten Staaten in die Bundesrepublik zurückkehrt, werden ihm zwei verschiedene Voraussagen über die vermutliche Dauer der wirtschaftlichen Recession in Amerika in den Ohren klingen. Und viele Amerikaner würden eine Menge dafür geben, um zu erfahren, welche der beiden Prophezeiungen dem hierzulande hochgeachteten deutschen Minister am ehesten und aus welchen Gründen sie ihm einleuchtet.

Die Pessimisten, die jetzt in Washington noch überwiegen, meinen, daß der Geschäftsrückgang, die Recession, noch keineswegs den tiefsten Stand erreicht habe. Sie stimmen darin überein, daß die jetzige Situation durch eine Überexpansion der Produktionskapazität und durch eine zu leichtfertige Kreditpolitik verursacht worden ist. Die Preis? sind – ihnen zufolge – noch nicht soweit gefallen, daß die schuldenbeladenen und übersättigten Verbraucher wieder Käufe großen Stils ins Auge fassen würden. Da die Arbeitslosen zureichende Unterstützung erhalten, können sich die Gewerkschaften weiterhin gegen Lohnkürzungen sperren und sogar in vielen Fällen Lohnerhöhungen verlangen. Viele Schließer daraus, daß die wirksamste Maßnahme zur Behebung der Wirtschaftskrise eine spürbare Herabsetzung der gegenwärtig erdrückenden Steuerlast sei. Besonders im Kongreß wird eine solche Maßnahme, die mit dem Beginn des neuen Haushaltsjahres am 1. Juli in Kraft treten soll, von Tag zu Tag nachdrücklicher gefordert.

Wahlschlager Arbeitslosigkeit

Freilich – obwohl die Verfechter dieser Richtung viele Argumente der Wirtschaftsgeschichte auf ihrer Seite haben, herrschen doch die politischen Überlegungen in ihrem Denken vor. Bis zu dem Tag, da der Kongreß (im Januar) zusammentrat, hat er die Abstiegs-Tendenz der amerikanischen Wirtschaft geflissentlich ignoriert. Jetzt schlagen die Abgeordneten aus solchen Gebieten, in denen die Arbeitslosenziffer beträchtlich gestiegen ist, Wahlkapital aus dieser laissez-faire-Haltung.

Um ihren politischen Angriffen Nachdruck zu verleihen, übertreiben die Demokraten gern den Ernst der Lage. Das fällt ihnen um so leichter, als sieben Prozent der arbeitenden Bevölkerung im Augenblick beschäftigungslos sind – und diese Zahl ist auf jeden Fall beunruhigend. Außerdem hatten viele Leute geglaubt, daß die amerikanische Wirtschaft auf magische Weise gegen jedwede Rückschläge gefeit sei und daß die Verantwortung für den Geschäftsrückgang daher der Unfähigkeit der Regierung zugeschrieben werden müsse.