H. H., Hamburg

Des ist ein kleiner, unbedeutender Vorfall. Sicher ist er nicht wichtig; vielleicht aber ist er typisch. In der heutzutage von vielen Untermietern bewohnten, geräumigen Etage eines um die Jahrhundertwende erbauten Hamburger Hauses war unversehens ein alter Herr gestorben. Sein Zimmer war dadurch frei geworden. Es war ein sogenanntes Leerzimmer, das freilich zunächst noch den bescheidenen Nachlaß des Verstorbenen barg, für welchen die gut situierten Erben keine Verwendung hatten.

Es handelte sich um einige noch recht brauchbare Möbelstücke, um Geschirr, Kleider, Wäsche und vielleicht fünfzig oder sechzig Bücher. Gewiß, Prachtstücke waren es nicht. Jedoch wäre mancher froh gewesen, hätte er dies oder jenes davon billig erwerben können.

Nicht so die Althändler. Der erste, an den man sich wandte, lehnte es ab, die Sachen überhaupt nur anzusehen. Der zweite erklärte, er müsse für den Abtransport dieses alten Hausrats zwanzig Mark berechnen. Ein dritter versprach nach vielem Zureden, heute oder morgen einmal vorbeizukommen.

Er kam wirklich und machte sich alsbald daran, die schon handlich zusammengepackten Gegenstände auf sein Auto zu laden. Auf die Frage, was er denn wohl für die Möbel, die Kleider, die Bücher und was sonst noch dalag, zu bezahlen gedenke, schüttelte er sich geradezu vor Lachen. ,,Bezahlen, heutzutage? Wo leben Sie denn, meine Dame! Vor drei, vier Jahren, ja, da hätten wir vielleicht noch etwas für den alten Plunder geboten, aber heute! Nicht mal mehr im Flüchtlingslager nehmet sie das geschenkt..."

Und dies ist der zweite Teil unserer Geschichte:

Als das Zimmer leer war, gaben die Wohnungsbesitzer ein Inserat auf: "Leerzimmer zu vermieten." Schon nach zwei Tagen häuften sich 123 Briefe. Alle endeten mit der gleichen Beschwörungsformel: "Gebt uns das Zimmer, wir sitzen auf der Straße." Es klang wie: "Gebt uns Wasser, wir verdursten!"