K -a., Frankfurt

Eine Sechzigjährige, auf deren faltiger Haut der Puder abblättert. Ein schmaler junger Mann mit spitzer Nase und ausgebeulten Hosen. Ein gutgeschnittener, flanellgrauer Industrieller, auf den ein Opel-Kapitän mit Rheinländer Nummer wartet. Eine frische junge Frau mit Boxin-Handtasche... Es ist eine seltsam zusammengewürfelte Gruppe von Menschen da oben im einzigen Fachwerkhaus, das die Bombenschäden in der Altfrankfurter Allerheiligenstraße überlebt hat.

Sie alle sitzen dort in einem winzigen gutbürgerlichen Wohnzimmer und verfolgen eiskalten Herzens, den Bleistift notizbereit, die weiße, rollende Kugel, die schnarrend über rote und schwarze Zahlen gleitet. Macht sie auf einem Felde halt, so werden weder Gelder eingestrichen noch Familienringe verpfändet. Aber eine weitere Ziffer wird der endlosen Kolonne auf der schwarzen Wandtafel hinzugefügt. In Deutschlands erster Roulette-Schule wird nicht gespielt, sondern am Roulette "gearbeitet".

Der Mann, der da glaubt, das finanzielle Problem des Roulette gelöst zu haben, ist Knud Hallerstroem, der "größte Astrologe der Welt", wie er selbst bescheiden von sich sagt. Er beriet König Faruk von Ägypten und Barbara Hutton (beriet sie, ohne sie zu beeinflussen zu können), beriet den amerikanischen Special Service, Ölmillionäre und Filmstars. Unaufhörlich kramt er in alten Dokumenten, um die Wahrheit seiner früheren Weissagungen zu beweisen, seine Vorhersagen vom Tode König Georgs und Stalins, von Perons Sturz und Eisenhowers Wahl und Wiederwahl.

Mit sechs Schrankkoffern reiste Knud Hallerstroem fast dreißig Jahre um die Welt. Wo er noch nicht war, kann er sofort sagen: in Rußland und Venezuela. Er lebte vom Gelde seines Vaters, dann von seinen astrologischen Honoraren und schließlich vom Besuch aller Spielsäle der Welt (außer Rußland und Venezuela natürlich), lebte, verdiente sich ein Haus in Kalifornien, reiste wieder ...

Laut Reisepaß ist der massive Fünfziger mit dem gebeugten Gang und den gehetzten Managerallüren "Privatgelehrter". Erstaunen malt sich auf meinem Gesicht. Hallerstroems schlanke junge Frau erklärt: "Ein Privatgelehrter ist jemand, der sich mit allen Wissenschaften beschäftigt." Ich blicke noch verdutzter drein, sehe im Geiste fünf übereinandergetürmte Doktorhüte. Doch der Sternendeuter ist ein Selfmademan. "Ich befasse mich mit den nichtanerkannten Wissenschaften, mit Theosophie, Philosophie, Metaphysik, Anthroposophie und Parapsychologie."

Die Parapsychologie scheint der Psychologie überlegen zu sein. Denn der selbstbewußte Herr fragt unvermittelt: "Wollen Sie mich ernst nehmen oder fertigmachen?" Er spürt, obwohl ich mir eine Antwort vorbehalte, meine Skepsis mit einer Sensibilität, die gar nicht zu dem derben Jargon und den desinteressierten müden Gebärden passen will. Dann nimmt er präzise Fragen durch präzise Aussagen vorweg.