Neulich habe ich "scharf geschossen": In Oldenburg, wo es ein Staatstheater gibt, war ein echter Dichter, Stefan Andres, mit seiner deutschen Tragödie "Sperrzonen" auf eine für dieses Stück ungeeignete "Versuchs"bühne verbannt und dort vom Intendanten verinszeniert worden. Ein so faires Mitglied des oldenburgischen Theaterausschusses wie Dr. Wilhelm Michaelis, Vorstandsmitglied des Gerhard-Stalling-Verlages und seit Anbeginn "dankbarer ZEIT-Leser", hatte sich schützend vor den Intendanten als Regisseur gestellt und mir in einem Offenen Brief geschrieben, dieser Tobak sei zu stark gewesen.

Entschlossen, in der Gerechtigkeit nicht nachzulassen, fuhr ich abermals nach Oldenburg. Es gab, nun im Großen Hause, als "deutsche Erstaufführung" eine weniger bekannte Komödie von Anton Tschechow. Wieder inszenierte Ernst Dietz. Auf der Bühne standen dieselben Schauspieler.

Was sich zeigte, war bezeichnend. Das Programmheft belehrt uns über Tschechow biographisch und allgemein. Über die Komödie "Der Waldmensch", "die in Oldenburg zur deutschen Erstaufführung, gelangt", steht ein einziger, den Inhalt wertender Satz. Ein schlechter "Kundendienst". Doch das Schweigen kann auch Gründe haben.

Greift man nach einem der verbreitetsten Schauspielführer, dem von Reclam, dann kann man im Kapitel Tschechow über das Schauspiel "Onkel Wanja" lesen: "Szenen aus dem Landleben in vier Akten ist der Untertitel dieses Schauspiels, das unter dem Titel ‚Der Waldteufel‘ 1889 eine kühle Aufnahme gefunden hatte. Tschechow arbeitete es daraufhin um, so daß ein ganz neues Stück daraus wurde, das 1901 vom Moskauer Künstlerischen Theater mit rauschendem Erfolg aufgeführt wurde." Wer weiterliest, wird sehen, daß "Onkel Wanja" dieselben Personen und in den Grundzügen die gleiche Handlung aufweist wie "Der Waldmensch". Dieses Stück in Oldenburg und "Der Waldteufel", der 1889 durchfiel, dürften also identisch sein mit der Vorform von "Onkel Wanja". Dieser ist jedoch auf deutschen Bühnen bekannt

Warum sollte man aber nicht an der Bühnenpraxis von heute nachprüfen, ob vielleicht auch bei Tschechow die Urfassung besser sei als die Erfolgsfassung? Sie ist es nicht. Das Theater sollte jedoch mit offenen Karten spielen. Zum andern: die Darstellung. Tschechows psychologischer Realismus muß durchscheinend werden, damit das Eigentliche, die Leere der Seelen und die Verzweiflung einer ganzen Gesellschaftsschicht, zum Vorschein komme. An der selbstsicheren Verkörperung solcher Gesellschaftsfiguren hapert es allgemein. Was hatte man in Oldenburg einzusetzen, wenn – unausgesprochen – zwei Werkfassungen gegeneinander abgewogen werden sollten?

Das "Ensemble" war weder den Rollenansprüchen gewachsen, noch überzeugte es durch seinen Zusammenklang. Eine einzige Gestalt konnte als eine Figur von Tschechow gelten. Sie wurde vorzüglich von Traute Fölß gespielt. Was daneben an Chargen zu sehen war, erregte zwar naive Lustigkeit im Parkett. Ihren makabren Grundton brachte die vordergründige Regie jedoch nicht zum Mitklingen.

Oldenburg hat sich mit einer "deutschen Erstaufführung", die nicht schlüssig war, abermals übernommen. Ist es ein Wunder, daß Geister, die man aus Premierensucht herbeirief, über Leistung und Methode zetern? Johannes Jacobi