Der Darmstädter Kohlenhändler Erich Nold hat eine neue Tournee angekündigt, um auf verschiedenen Hauptversammlungen "in Opposition" machen zu können. An "weiteste Kreise der deutschen Presse" (so steht es in seinen Schreiben) verschickte er Briefe, in denen der größte Teil der Punkte aufgeführt ist, die er bei den Unternehmen beanstanden will. In seinen an manchen Stellen etwas schwer verständlichen Ausführungen geht er in gewohnter Weise scharf mit den Vorständen und den Aufsichtsräten ins Gericht, die – so schreibt Nold an einer Stelle – eine böswillige, eigennützige Einstellung zeigen und denen jedes Mittel recht ist, um sich auf Kosten der Gemeinschaft der Aktionäre ihre Macht zu sichern. Das galt den Verwaltungen der Commerzbank-Gruppe!

So heftig der Kohlenhändler anderen Leuten ihre angeblichen Fehler vorhält, so empfindlich ist er allerdings auch, wenn jemand die Form seines Auftretens kritisch unter die Lupe nimmt, wie es die ZEIT seit Monaten tut. Mit steter Regelmäßigkeit verlangt er "Richtigstellungen". Mehrere sehr merkwürdige Klageandrohungen seines Anwalts liegen auf unserem Redaktionstisch.

Wohlverstanden, in den meisten Fällen haben wir lediglich die Art und Weise des Noldschen Auftretens abgelehnt. Wir haben nie ein Hehl daraus gemacht, daß die Aktionäre bei sehr vielen Gesellschaften Grund haben, mit ihrer Behandlung in bezug auf die Dividendenzahlungen unzufrieden zu sein. Aber man wird sich immer darüber streiten können, ob die innere Stärkung durch Bildung hoher Reserven oder die Ausschüttung von Spitzendividenden jeweils den Vorrang hat. Wir sind nicht damit einverstanden, daß die Aktionärsausschüttungen gegenüber den freiwilligen Sozialaufwendungen über Gebühr vernachlässigt werden. Aber wir wissen natürlich, daß ein großer Teil der Sozialaufwendungen ebensogut unter Betriebsunkosten verbucht werden könnte; denn im Zeichen der Vollbeschäftigung dienen die Sozialleistungen auch dazu, qualifizierte Arbeitskräfte zu halten oder heranzuziehen. Sie verfolgen also einen Zweck, der auch den Aktionären zugute kommt.

Unter ähnlichen Aspekten ist auch das Problem der Vorstandsgehälter zu sehen, die Nold im Falle der Commerzbank-Gruppe besonders heftig attackiert. Allerdings kann eine Verwaltung eines nicht machen: Sie kann nicht eine Dividendensteigerung aus Gründen der "Optik" ablehnen und gleichzeitig die "Optik" bei den Vorstandsbezügen außer acht lassen. Und sollte in dem einen oder anderen Falle eine merkliche Erhöhung der im Geschäftsbericht ausgewiesenen Vorstandsbezüge aus besonderen Gründen (Nachzahlungen, Auszahlungen usw.) unerläßlich sein, dann sollte keine Verwaltung versäumen, das ausdrücklich zu vermerken. Auf diese Weise würde von vornherein "böses Blut" vermieden werden.

Aber zurück zu Herrn Nold. Er will die Aktionäre auf den drei Commerzbank-Hauptversammlungen durch sein Auftreten ergötzen; jedenfalls hat er in allen drei Fällen Opposition angemeldet. Um seinem Auftreten größeres Gewicht zu verleihen, ist er auf der Suche nach Stimmkarten. Er weist in seinem Schreiben ausdrücklich darauf hin, daß den Aktionären, die sich durch ihn vertreten lassen, keinerlei Unkosten entstehen, "da sonst der falsche Eindruck entstehen könnte, als betriebe ich gewerbsmäßig Opposition!"

Es ist lobenswert, daß Herr Nold seine sicherlich nicht ganz billigen Reisen auf eigene Rechnung und Gefahr unternimmt. Allerdings paßt es schlecht in dieses Bild, wenn am Ende dieser Beteuerung nun doch die Angabe des Postscheckkontos zu lesen ist. Das ist ja nun wohl nicht sehr logisch, mit Verlaub zu sagen!

Doch dieses Rundschreiben wartet noch mit einem anderen Rätsel auf. Am 11. April finden die Hauptversammlungen der in Hamburg und Frankfurt ansässigen Commerzbank – Institute zur gleichen Stunde statt. Nold verspricht seinen Freunden, auf beiden Veranstaltungen ihre Interessen zu vertreten. Wie soll das vor sich gehen? Falls er nach Hamburg oder Frankfurt einen Stellvertreter entsendet, dann bleibt zu hoffen, daß dieser im Aktienrecht etwas fester im Sattel sitzt als sein Herr und Meister, der sich immer noch nicht klar darüber ist, daß Hauptversammlungen nicht das geeignete Forum sind, vor dem eine – auch von uns dringend gewünschte – Reform des Aktienrechts durchgesetzt werden kann. Kurt Wendt