Ein Beispiel irriger Parteigeschichte

Von J. R. Evenhuis

Vor einiger Zeit erschien bei Schimmelbusch & Co. in Bonn eine kurzgefaßte Beschreibung der SPD mit einem Vorwort von Erich Ollenhauer. Sie war bearbeitet von Willi Eichler und Günther Markscheffel,

In dieser Schrift wird auch kurz die Absplitterung der Unabhängigen Sozialdemokraten (USPD) von der SPD nach dem Ausbruch des ersten Weltkrieges beschrieben. In personeller Hinsicht war dieses Ereignis vor allem auch deshalb interessant, weil sich zu den Abgeschiedenen Eduard Bernstein, der bekannte Revisionist, geteilte. Die höchst merkwürdige psychologische Tatsache, daß hier gerade ein "ruhiger" Sozialdemokrat zu denen stieß, welche die Parteimehrheit wegen ihrer Bewilligung der Kriegskredite kritisiert hatte, wird in der SPD-Schrift mit dem folgenden Satz abgetan:

Eduard Bernstein ging zur USPD, weil seine Erfahrungen in England ihm klar gezeigt hatten, daß das deutsche Kaiserreich den Krieg gegen England verlieren mußte.

In Friedrich Stampfers "Erfahrungen und Erkenntnisse", die vor kurzem erschienen sind, liest es sich kurioserweise genau umgekehrt:

Eines Tages, in den ersten Monaten des Krieges, saß ich mit Eduard Bernstein und Victor Adler beisammen. Es waren eben Nachrichten über die Versenkung englischer Schiffe eingetroffen, und Bernstein, der viele Jahre als Emigrant in England gelebt hatte, klagte über die Schwere der englischen Verluste. Darauf Victor Adler: "Siehst du, Ede, das ist eben der Unterschied zwischen uns beiden, du machst dir um alle Sorgen, nur nicht um Deutschland. Aber ich mach’ mir halt auch Sorgen um Deutschland."