Es gibt in Reiterkreisen eine Art Sprichwort: Die Turnierreiterei verdirbt den Charakter. Es ist halb wahr wie die meisten Sprichworte, wie alle Verallgemeinerungen. Denn natürlich verderben Turniere den sportlichen Charakter nicht mehr als alle anderen auch des Profits wegen betriebenen Sportarten. Ganz unwahr ist das Wort indessen nicht, und seit Jahren regen sich Stimmen, oft auch von berufenen Fachleuten und Selbstreitern, die jeder Sentimentalität unverdächtig sind, man solle etwas gegen diesen Mangel an charakterlicher Haltbarkeit unternehmen. Leider haben diese Stimmen nur selten das Ohr derer erreicht, an die sie gerichtet waren: die Turnierleitungen.

Jüngst in Dortmund war es anders. Dort fand ein Richterkollegium – und das gehört zu seinen großartigsten Entscheidungen – den Mut, den jungen Springderby-Sieger des Vorjahres, Schockemöhle, eine strenge Verwarnung zu erteilen, weil er seinen jungen, noch unfertigen Wallach Iwan auf dem Abreiteplatz in einer Art durchprügelte, die nicht nur den spontanen Widerwillen zuschauender Laien hervorrief, sondern auch die scharfe Kritik anderer Reiter. Mit einer einfachen Verwarnung kam Karin Möller davon, die ihre Holsteiner Stute Pamina mit ähnlichen Erziehungsbeihilfen bedachte. Die Verwarnungen wurden am Schwarzen Brett ausgehängt.

Zwar ist es so, daß man den Springstock nicht zum Scherz in die Hand nimmt. Es gibt schon Pferde, die mal einen anständigen Klaps vertragen, den sie meist nicht weiter übelnehmen. Niemand wird eine kurze Korrektur eines offenbaren, vom Reiter nicht verschuldeten Ungehorsams verurteilen, zumal gleich danach wieder Frieden einzutretenpflegt. Es ist aber ein Unterschied – und auch das nichtsachverständige Publikum erfaßt ihn mit großer Sicherheit –, ob Thiedemann seinem bisweilen dickfelligen Meteor ein paar "in die Jacke haut" oder ob jüngere, frühem Ruhm oder übergroßem Ehrgeiz nicht gewachsene Reiter auf Pferde eindreschen und sie dadurch oft genug ihre eigenen Fehler entgelten lassen. Deshalb war die Dortmunder Entscheidung, obwohl sie sich gegen einen Derby-Sieger und gegen eine Dame richteten, gut und richtig, zumal sie in der Haltung weit über das Gebiet der Reiterei gültig ist. Fehlt nur noch, daß wir gerechterweise auch ausländische Reiter den gleichen Maßstäben unterwerfen. Sie sollten bei gleichem Mißverhalten genauso verwarnt, disqualifiziert oder vom Platz geschickt werden wie die jetzt verwarnten deutschen Reiter, denen sie als schlechtes Beispiel dienten. Die LPO (Leistungsprüfungsordnung) bietet dazu genügend Handhaben.

Dem Publikum darf der finanzielle Profit und der persönliche Ehrgeiz, die manchen Reiter mit unfertigen Pferden in schwere Prüfungen gehen lassen, gleichgültig sein. Es kommt nicht auf den Platz, um cholerisch-affektive Ausbrüche à la Fombelle zu sehen, sondern die so viel gespriesene, auf reiterliches Gefühl und gegenseitiges Vertrauen begründete Leistungsgemeinschaft von Reiter und Pferd. Die aber hört genau da auf, wo die unbeherrschte Prügelei anfängt. j. c. p.