Ausgesprochene Sensationen gab es in Genf eigentlich nicht, es sei denn, man rechne das französische Atom-Experimentierauto "Symetric 58", den aus völlig synthetischem Material gemachten "Lotus" und die neuartige Linienführung des "Sunbeam Rapier" der Engländer, oder den besonders schön und leistungsfähig ausgefallenen BMW-Acht-Zylinder dazu, Erzeugnisse, die von den Gästen des Salons – es waren etwa die Hälfte Damen – bestaunt und bewundert wurden. Im übrigen zeigte die Schau fast durchweg erfreuliche Tendenz: Betonung der sportlichen Note, Vervollkommnung der den Fahrer entlastenden Automatik, verbesserte Sicherheitseinrichtungen, und eine deutliche Neigung zu unauffälligeren, nicht mehr ganz so prätentiösen Formen und Farben, eine Absage an den Talmi und die Großmannssucht übertriebener und nutzloser Chromlasten. Die grellen Farben sind im Verschwinden, pastellige Einfarbigkeit beherrscht wohltuend das Feld.

Die europäische Automobilindustrie, die sich nach dem Kriege von ihren zwar seriösen, aber im Vergleich zu den Straßenkreuzern der Amerikaner altmodisch wirkenden Formvorstellungen gelöst hatte, um – zunächst noch recht unzulänglich – die Produkte der Neuen Welt in leichten Variationen nachzuahmen, hat diese Vorbilder an Geschmack und Eleganz bereits übertroffen. Es genügte, sich daraufhin Wagen wie den Mercedes 300 SL, den neuen BMW oder Renaults "Dauphine" anzusehen, die – obwohl nur ein Wagen mittlerer Größe – im Land der Riesenpontons Verkaufsrekorde erzielte. Überhaupt hat die französische Automobilindustrie ein sehr beachtenswertes Maß an Kraft und Initiative gezeigt. Obwohl durch rigorose Steuermaßnahmen behindert, konnte sie ihre Produktion um elf v. H. steigern. Ein Gleiches läßt sich von den Engländern sagen, die 1957 ihre Absatzkrise überwunden haben, den Gesamtexport um ein Drittel steigern und den Dollarumsatz der Autoindustrie durch Exporte nach den USA sogar verdoppeln konnten. Diese Entwicklung wird angesichts des gemeinsamen europäischen Marktes unseren Herstellern noch viel abverlangen.

Im Gegensatz dazu sehen sich die Amerikaner mit ihren straßenfüllenden Apotheosen des Wohlstandes seit einiger Zeit ernsten Absatzschwierigkeiten gegenüber. Sie sind daher dazu übergegangen, sich ihrerseits einiges von den Europäern abzugucken. Zwar haben Ford-Fairlane, Ford-Custom, Thunderbird, Mercury, Lincoln, Continental, Packard, Chrysler, Plymouth, Cadillac, Oldsmobil, Buick an Länge und Breite noch zugenommen, aber es gab auch kleinere, sicherlich genauso brauchbare und allenfalls wirtschaftlichere Modelle.