Der Verlag lieferte gleich das Stichwort mit: "Er reiste mit der Schnelligkeit eines Wirtschaftswunder-Touristen." Gemeint ist Walter Rilla, der heute in London lebende Schauspieler-Schriftsteller, der einen Trip von drei Monaten quer durch Europa machte. Dieses Europa besteht für ihn aus den Ländern England, Türkei, Jugoslawien, Griechenland, Italien, Spanien, Portugal, Frankreich, Holland, Belgien, Dänemark, Westdeutschland, der Schweiz und Österreich.

Walter Rilla: "Herrlich wie am ersten lag. Eine europäische Reise." Mit 130 Photos von Stefan Moses. Kindler Verlag, München. 248 S., 25 DM.

Es ist eine Art Briefsteller nach dem Motto: Wie schreibe ich sechs Seiten über Holland so, daß meine Lieben daheim sich daran weiden – und überdies etliche tausend Leser? In Siebenmeilenstiefeln durchrast Rilla sein Europa und schildert seine Eindrücke in einer Weise, die noch nicht einmal der Briefstil entschuldigt.

Das liest sich etwa so: "Willst du wissen, Darling, was ich die zwei Tage – oder waren es drei? – in Venedig getan habe? Gar nichts habe ich getan, ich brauchte nichts zu tun – Venedig tat mit mir, was sie wollte, die alte Zauberin, die mich jedesmal aufs neue berückt, wenn ich sie besuchen komme ..." Dies ist ein zufälliges Beispiel, ganz zu schweigen von Wendungen wie: "Schön ist es hier, der Kirchturm da drüben – wie der Finger Gottes sieht er aus..."

Ich las diese um Prägnanz im Ausdruck wenig bekümmerten Briefe mit um so größerem Bedauern, als ich – wie so viele – zu den Bewunderern von Rillas schauspielerischem Talent. gehöre (er spielte zuletzt in Deutschland den Lord Kilmarnock in dem Thomas-Mann-Film Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull"). Schuster bleib bei deinen Leisten, Mime bleib auf deinen Brettern möchte man ausrufen und fortfahren: und wenn du dich schon von zwei Musen geküßt glaubst, dann mach es wie Ludwig Berger, Paul Henckels und Viktor de Kowa, schreib über das, was du verstehst, über dein Fach, über dich selbst.

Versöhnlicher stimmen die dem Buch beigefügten Bilder von Stefan Moses (das ist doch bestimmt ein Pseudonym?). Neben vielen konventionellen Ansichten gelangen dem Photographen, abseits der "Sehenswürdigkeiten", treffliche Aufnahmen: in dem Lächeln eines Knaben, der mit seiner Last geweihter Kerzen durch eine spanische Gasse läuft (unser Bild), oder in dem im Dämmerlicht aufgenommenen Dach der Kobollzeller Kirche.

Günther Specovius