Aber was war das nun wieder für ein Gerücht, das dort in Moskau verbreitet wurde? Nun, das Argument, daß der Großherzog von Hessen als deutscher General seinen Posten nicht verlassen konnte, dürfte damit entfallen, daß – wie wir hörten – gerade die Oberste Heeresleitung damals auf Sonderfrieden mit Rußland drängte. Auch der Großfürstin Elisabeth, die – nachdem ihr Mann einem nihilistischen Attentat zum Opfer gefallen war, – sich christlich-humanitären Aufgaben widmete, wäre es schon zuzutrauen, daß sie sich als Äbtissin in den Dienst des Friedens gestellt hatte. Aber wäre es nicht sehr schwierig für sie, die schon bald nach Kriegsausbruch verdächtigt wurde, gewesen, mit den Deutschen in geheimem Briefwechsel zu stehen, ihren Bruder, einen deutschen Fürsten und Offizier zu beherbergen, noch dazu in Moskau, das seit Jahrhunderten die Hochburg des orthodoxen Slawismus und nationaler Leidenschaften wir?

Ist es nicht möglich, daß zuerst ein solches Gerücht von der Anwesenheit des Großherzogs in Moskau verbreitet war, und daß es dann auch Leute gegeben hat, die den Bruder der Alexandra und Elisabeth in dieser oder jener vermummten Gestalt erkannt zu haben glaubten?

Es gibt aber auch eine zweite Möglichkeit einer Erklärung der Zeitungsmeldung vom 11. Juli: Am 8. Juli nämlich hatte die Zarin einen Amerikaner vom Christlichen Verein Junger Männer enpfangen, der sowohl die russischen Kriegsgefangenenlager in Deutschland wie die Lager der deutschen Gefangenen in Rußland besucht hatte und am nächsten Tage wieder nach Deutschland fuhr. Die Zarin hat ihm eine Menge Papiere mitgegeben und ihn besonders beauftragt, den Prinzen Max von Baden aufzusuchen. Sollte dieser Amerikaner, der wieder nach Deutschland reiste und bei der Zarin in Zarskoje Selo war, für ihren deutschen Bruder gehalten worden sein?

Übrigens, es gab noch ein Nachspiel der deutschen Friedensfühler von 1915, an dem wiederum der Großherzog von Hessen erheblich beteiligt war. Ende Dezember des Jahres 1915 erschien Maria Wassiltschikowa tatsächlich in Petersburg, Sie wurde auf ihrer Durchreise in Stockholm vom russischen Botschafter offiziell betreut und erzählte ihm von Gesprächen mit dem Großherzog. Sie wurde von Sasonow empfangen. Man weiß ferner, daß sie mehrmals bei der Zarin war. Sie brachte Briefe des hessischen Großherzogs und – noch Sasonows Schilderung – auch noch ein politisches Memorandum mit, das ihr der Großherzog diktiert habe. Der Innenminister Chwostow, der – und dies höchstpersönlich – in ihrem Hotelzimmer Haussuchung hielt, soll neben einem Brief an die Äbtissin Elisabeth auch Hinweise auf einen Besuch bei Wilhelm II., und Weisungen Bethmann Hollwegs und einen Brief Kaiser Franz Josephs gefunden haben. Tatsächlich unternahm man damals in Berlin einen neuen Versuch zu einem Sonderfrieden.

Wiederum nach Sasonows Schilderung hat aber der Zar die Briefe, ohne sie zu lesen, auf den Schreibtisch geworfen, das Memorandum seines Schwagers studiert und dann unter Entrüstungsrufen den Befehl gegeben, die Wassiltschikowa in einem Kloster zu internieren ...