Von Egmont Zechlin

Am 29. März findet in Wiesbaden eine Verhandlung des Hamburger Landgerichtes statt, in der die Identität jener Frau geklärt werden soll, die mit ihrem bürgerlichen Namen Anderson heißt, jedoch von vielen als die Zarentochter Anastasia angesehen wird. Bekanntlich spielt in der Auseinandersetzung ihre Behauptung eine Rolle, daß sie im Jahre 1916 ihren Onkel, den Großherzog von Hessen, in Petersburg gesehen habe. – In der folgenden Untersuchung des Ordinarius für Geschichte an der Universität Hamburg, Professor Dr. Egmont Zechlin, nimmt – mit neuen Aufschlüssen auch allgemeiner Art – zum ersten Male der Historiker das Wort in dieser Sache, die so viel Aufsehen erregt.

Nur ein König kann in diesem Tumult noch vermitteln, sagte Wilhelm II. dem dänischen Staatsrat Andersen, der am 19. März 1915 im Auftrage Christian X. im deutschen Hauptquartier erschienen war, um eine Verbindung zwischen dem deutschen Kaiser und Zar Nikolaus II. herzustellen. Diese Worte monarchischer Solidarität waren nicht nur für den dänischen König, sondern auch für den Zaren bestimmt. Andersen war gerade in Zarskoje Selo gewesen, ehe er nun mit Bethmann-Hollweg nach Charleville gekommen. Seine Aufzeichnungen über die Verhandlungen mit dem deutschen Reichskanzler und deutschen Kaiser liegen vor. Sie wurden von den Bolschewisten in den Privatakten des Zaren gefunden, zugleich mit einem statistischen Vergleich der Verluste der Kriegführenden, den Wilhelm II. persönlich angefertigt hatte. Die Zahlen sollten dem Zaren zeigen, daß es sich da um ein Verhältnis von 1:2,5 zuungunsten der Entente-Mächte handelte. Ferner konnte Zar Nikolaus den Aufzeichnungen des dänischen Vermittlers entnehmen, daß der deutsche Kaiser einen Weg zum Frieden über "das gute Herz des Zaren" zu finden hoffe.

Aber die deutsche Reichsleitung spann nicht nur Fäden zum Zaren, sondern auch zu jenen russischen Kreisen, die unter der dämonischen Einwirkung des Wundertäters Rasputin die Entschlüsse des Zarenpaares beeinflußten. Und zwar hatte sich eine Österreicherin, eine Theosophin, die durch Heirat mit einem baltischen Baron russische Untertanin geworden war, an Albert Ballin, den Generaldirektor der HAPAG, mit dem Angebot gewandt, durch schwedische "Kuriere" die Verbindung mit der Vertrauten der Zarin, Anna Wyrubowa herzustellen. Diese Frau war fast täglich mit der Zarin zusammen; sie war es auch, die Rasputin am Hofe eingeführt hatte. Die westlichen Botschafter wunderten sich immer wieder, daß eine so kleinbürgerliche Frau, wie diese Wyrubowa, ein "so an Leib und Seele nichtssagendes Wesen", eine solche Wirkung auf Rußlands Schicksal ausüben konnte. Denn wer die Zarin beeinflußte, dirigierte auch den Zaren. In dieser Ehe hatte die Frau zu sagen. "Der Kaiser herrscht, aber die Kaiserin regiert... unter der Eingebung Rasputins", sagte später der Außenminister Sasonow, als er seine Entlassung erhielt, weil er sich erdreistet hatte, den "Teufel" in sein Heimatdorf zu verbannen. (Rasputin kehrte denn auch sogleich an den Hof zurück).

Wieso aber war in dem Angebot an Ballin von "schwedischen Kurieren" die Rede? Nun, die Königin Viktoria von Schweden war eine Kusine des Prinzen Max von Baden. Sie hat Anfang Juli 1915 einen Briefwechsel zwischen diesem ihrem Vetter und der Zarin vermittelt und zwar – das ist nun allerdings frappierend – über die Wyrubowa! Ja, in einem Schreiben vom 16. Februar 1915 hatte schon König Gustav selbst dem Zaren angeboten, "in jedem Augenblick zu vermitteln, um dem schrecklichen Blutvergießen ein baldiges Ende zu machen".

Nach alledem ist es verständlich, daß sich Bethmann-Hollweg und das Auswärtige Amt für den Plan interessierten. An Stelle Ballins wurde der Publizist Ernst Jäckh zu Besprechungen nach Hollenkolmen bei Christiana und sodann nach Kopenhagen entsandt. Der Reichskanzler und sein Unterstaatssekretär Zimmermann bewilligten sogar 30 000 Kronen, die von den Theosophen (denn um diese Kreise handelte es sich ja) "zur Honorierung der Kuriere und anderer damit verbundener Ausgaben" angefordert wurden. Die Geschichte geht dann freilich reichlich ins Phantastische und bedarf noch quellenkritischer Untersuchung. Es sieht aber ganz danach aus, daß diese Theosophen Leuten zum Opfer gefallen sind, die sich auf diese Weise die Taschen füllen wollten.