DIE ZEIT

Mittelost im Umbruch

Noch nie war die Unruhe im Nahen Osten so spürbar wie in diesen Wochen. Es ist, als sei die Atmosphäre elektrisch geladen. So weit Kairos Rundfunk reicht – und er reicht bis nach Saudi-Arabien hinein –, ist etwas entzündet worden, das keine Feuerwehr mehr löschen wird und dessen Ausbreitung keine Barriere verhindern kann.

Ostern 1958

Was Ostern, was die Auferstehung des Herrn bedeutet, darüber belehren uns die Theologen. Es ist ihre Sache, darzutun, daß Christus, weil er Mensch geworden, eines leibhaftigen Todes starb wie Millionen Menschen vor ihm und Millionen nach ihm, daß er aber auferstand von den Toten am dritten Tage.

Zwang zum Martyrium?

Die Frage, ob das Märtyrertum zu den Amtspflichten eines evangelischen Pfarrers gehört, ist jetzt von der Kirche rechtsverbindlich beantwortet worden.

Bonner Besucher

Zwei prominente ausländische Besucher waren in diesen Tagen in Bonn: der britische Verteidigungsminister Duncan Sandys und der französische Außenminister Pineau.

Lautz und kein Ende

Es geht um den früheren Oberreichsanwalt Lautz beim "Volksgerichtshof". Wie viele Todesurteile besagter Herr Lautz beantragt hat – es wird von 393 gesprochen –, wird seit verwunderlich langer Zeit untersucht.

ZEITSPIEGEL

"Ziehen wir das arithmetische Mittel zwischen ‚klein, aber fein‘ und ‚breit und trutzig‘ und bemühen wir uns vor allem miteinander, das rechnerische Zahlenergebnis zu verdoppeln, so sind wir über die Diskussion ‚Grobschnitt‘ oder ‚Feinschnitt‘ hinweg.

Fairness ist mehr als Gerechtigkeit

Zum neuntenmal nach dem Kriege trafen sich in Königswinter englische und deutsche Parlamentarier, Wirtschaftler und Journalisten, um über die großen politischen Fragen unserer Gegenwart zu diskutieren.

Der lächelnde Briefträger

Politik ist die Kunst des Möglichen – so lautet die klassische Definition. Die Kunst des Möglichen freilich ist heutzutage oft (und zumal auf dem Felde der Außenpolitik) nicht viel mehr als die bescheidene Kunst des Lächelns.

Mehr Soldaten

Die Idee eines begrenzten Atomkrieges ist abwegig" – zu dieser Folgerung kamen amerikanische Militärexperten nach dem Studium der letzten amerikanischen Manöver in der Bundesrepublik.

Zentrum in Auflösung

Noch ehe das Volk entschieden hat, daß das Zentrum im neuen Landtag von Nordrhein-Westfalen nach den Wahlen am 6. Juli nicht mehr Sitz und Stimme haben wird, hat sich die derzeit noch existierende Zentrumsfraktion im Hohen Haus am Düsseldorfer Schwanenspiegel rapide reduziert.

Die FDP zwischen Hott und Hü

Hand in Hand für’s Vaterland, hieß es auf den FDP-Plakaten, die Düsseldorf während des freidemokratischen Bundesparteitags allenthalben zierten.

Liberales Come-back

Zum erstenmal seit 1929 hat Englands Liberale Partei letzte Woche eine Nachwahl gewonnen. Der Erfolg von Torrington ist den Liberalen zu Kopfe gestiegen: Sie planen jetzt die nächsten Aktionen ihres Generalangriffs auf die beiden großen britischen Parteien, die Konservativen und die Sozialisten.

Volksbefragung – und was dann?

Demokratische Verfassungen kennen das Verfahren der Volksbefragung nicht, durch das die Meinung des Volkes zu einer bestimmten Frage festgestellt wird.

1. April 1933

In diesen Monaten reiht sich ein unseliger Gedenktag an den anderen: 25 Jahre Machtergreifung, 25 Jahre Ermächtigungsgesetz, 25 Jahre Reichstagsbrand – und nun der Jahrestag des Judenboykotts.

Die Prinzessin

Ich stehe vorm Käfig. Auf ab, trottet es drin, auf ab: zerfranst, gestreift, die Hyäne......................................

Unsere Sprache:: Der Zeugenstand

Oft liest Ulpian in den zeitgenössischen Gazetten, daß ein Bürger vor Gericht "in den Zeugenstand getreten" sei, um mehr oder weniger Bedeutendes für oder gegen einen Mitmenschen mehr oder weniger wahrheitsgetreu auszusagen.

Judas Ischariot-der Jünger, der Christus verriet

Judas Ischariot ist in die Geschichte als das Urbild des Verräters eingegangen. Der Mann aus dem Dorfe Kariot war der einzige unter den Jüngern, der aus Judäa stammte; alle anderen waren aus Galiläa im Norden.

Der Frühling wird im Januar besungen

Der Frühling erfreut sich bei unseren Lyrikern bekanntermaßen einer besonderen Wertschätzung. Der Beginn löst wie mit einem Zauberschlag eine Flut lyrischer Ergüsse aus.

Die besten Bücher?

Am 26. März wurde in Heidelberg von der Hauptjury des Arbeitskreises für Jugendschrifttum zum dritten Male der Deutsche Jugendpreis festgesetzt.

Porträt einer Schutzgöttin

Die Schutzgöttin der Stadt ist eine reife Frau. Früh schon hatte man sie gerufen, hatte sie gebeten, ihre erfahrene Hand über der Gründung zu halten, und die Schutzgöttin kam: Hammonia ergriff Besitz von der Stadt an der Elbe, segelte mit weißer Haube durch ihr Reich, schellfischäugig, duftend nach Gewürzen, eine gesunde Endvierzigerin, die auch als Göttin nur Bürgerin unter Bürgern war.

Impressionismus abstrakt

Der Name Vieira da Silva ist in Deutschland man, sie sei die größte Malerin unserer Epoche. Sie noch so gut wie unbekannt. Der Ruhm der gehört heute unbestritten in die Spitzengruppe der Malerin, die 1908 in Lissabon geboren wurde, seit neuen Ecole de Paris (deren Mitglieder übrigens annähernd dreißig Jahren in Paris lebt und mit größtenteils nicht in Frankreich geboren sind).

ZEITMOSAIK

Die sowjetischen Filmexperten, deren Aufgabe nicht immer einfach ist, wollen sich daran machen, eine neue, "den Tatsachen entsprechende" Fassung (die dritte!) der "Schlacht um Stalingrad" zu drehen.

Mein Buch des Monats: Europäer Camus

Zur Person: Ein schmales, beinahe mönchisches, von Meditationen und unbarmherzigen Gedanken geprägtes Gesicht; die Augen träumerisch, in der Nähe beinahe blind, aber in der Ferne von stechender Schärfe, lichtgewohnte Augen, in denen der Glanz der afrikanischen Sonne ruht, Oran und die Wüste: wer gelernt hat, mit Horizonten zu rechnen, hält sich nicht beim Gegenständlichen auf.

Unser Seller-Teller März 1958

Eigentlich könnten wir wohl jetzt nicht mehr so leicht mißverstanden werden? Es ist doch gewiß deutlich geworden, was wir mit dem Seller-Teller meinen: er ist ja ein Verfahren, aus führenden Buchhandlungen Verkaufszahlen zusammenzutragen, aus denen erhellt, welche die fünf bestverkauften Bücher des Monats waren.

Faulkner – Chronist der Seele

Der Amerikaner William Faulkner geboren 1897, seit mehr als dreißig Jahren Beobachtungsgegenstand der höheren literarischen Kritik der westlichen Welt, ist bei uns zuerst bekannt geworden mit den Ende der zwanziger Jahre bei Rowohlt erschienenen Romanen "Licht im August" und "Absalom, Absalom Es war damals kein spaßhaftes, ungefährliches Unternehmen, diesen Minotaurus unter den englischsprachigen Autoren in Deutschland durchzusetzen, und der Verlag hatte – finanziell betrachtet – allerlei dabei zuzusetzen.

Passion in Afrika

Die religiöse Kraft, aus der in allen Hochkulturen die bildnerischen und darstellerischen Leistungen ihre eigentliche Sinngebung und Erfüllung erfuhren, ist in der modernen Menschheit weithin unwirksam geworden.

Ein gutes Buch und – ein beinah gutes

Vielleicht war es nie so schwer, ein gutes Buch zu schreiben wie heute. Nicht etwa, weil unsere Wirklichkeit schwerer zu gestalten wäre als die Shakespeares oder Goethes, Tolstois oder Thomas Manns.

Gerhard Ritters "Stein"

Die Werke des – seit 1956 emeritierten – Freiburger Historikers Gerhard Ritter füllen ein stattliches Bücherbord. Sie sind ohne Ausnahme zentralen Fragen der deutschen Geschichte gewidmet, Fragen, deren Problematik bis in die heutige Zeit fortwirkt: der Reformation, dem Preußentum, dem "Militarismus" in der deutschen Vergangenheit, der "Dämonie der Macht", dem Widerstand gegen Hitler – auch jener schöpferischen Epoche der deutschen Erhebung, die in den Gestalten Gneisenaus, Arndts und des Freiherrn vom Stein verkörpert ist.

Memento mori

Betrachtungen über den Tod sind im Europa der Neuzeit nicht sehr im Schwange. In makraben Zeiten werden sie gemieden, weil der Mensch nach einem erheiternden Gegengewicht gegen die allzu aufdringlichen Realitäten verlangt.

Junge Erzähler bevorzugen Lyrisches

Man wird sich der Zeit erinnern, da es für einen jungen, unbekannten Schriftsteller schwer war, auf den Markt und unter die Leute zu kommen – es sei denn, es handelte sich um sozusagen fix und fertige Talente.

Wo ruht Kolumbus?

Für jene Romantiker, die hartnäckig an der Idee der Segelschiffahrt hängen, sei es gesagt: Die Zeit der Windjammer ist längst zu Ende.

Schreck in der Küche

Es besteht kein Zweifel", äußerte kürzlich ein amerikanischer Physiker, "daß viele tausend Menschen eines Tages an den Folgen der Wasserstoffbombenversuche qualvoll an Knochenkrebs und Leukämie sterben werden.

Sachsen: Palmarum 1958

Die Glocken läuten über Halle. Im "Landestheater des Friedens" beginnt das Orchester ein Potpourri, in dem sich die Sowjet-Nationalhymne, Marseillaise, Internationale und "Brüder zur Sonne, zur Freiheit" wunderlich vermischen.

Viele Pläne und keine Konzepte

Der ursprüngliche Plan für eine Freihandelszone wurde in London entworfen. Die Beibehaltung der Zollautonomie, die Aversion gegen die Einbeziehung der Landwirtschaft und der Kolonien sowie der mangelnde Wille, durch Aufgabe gewisser, nationaler Souveränitätsrechte eine Koordinierung der europäischen Wirtschafts- und Konjunkturpolitik zu ermöglichen, waren Interessen, die den Commonwealth-Bindungen entsprangen.

Konjunktur: Einer Spritze bedarf es nicht!

Thomas Mann hat an der schönen Anekdote von der Lübecker Revolution des Jahres 1848 offenbar besonderen Gefallen gefunden: jedenfalls erzählt er sie in den "Buddenbrooks" mit liebevoller Ausführlichkeit.

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