Von A. E. Johann

A. E. Johann ist auf seiner Weltreise nun bis nach Indien vorgedrungen. Nachdem er in der vorigen Ausgabe der ZEIT das Blickfenster nach China, nämlich Hongkong, geschildert und in einzelnen Punkten dargelegt hat, was man vom "Reich des roten Drachen" erwarten kann und was nicht, beginnt er diesmal, Indiens Bedeutung in einer Zeit des asiatischen Aufstieges scharf zu umreißen.

Mit einem ganzen Bündel von Vorbehalten bin ich nach Indien gefahren. Ich hatte diesen "Subkontinent" seit gut zwanzig Jahren nicht gesehen. Und da ich einst der Meinung gewesen war, Indien sei nur durch die Fremden, die Engländer, zu einer Einheit zusammengehalten worden, so hatte ich stets einige Zweifel an der Existenzfähigkeit des riesigen Reiches. Gibt es hier doch 22-5 verschiedene Sprachen, die alle eifersüchtig bewahrt werden. Selbst wenn man nur die wichtigen Sprachen zählt, erhält man immer noch die Zahl vierzehn, von denen Hindi und Teluga die meistgebrauchten sind.

Inzwischen ist Hindi die offizielle Sprache geworden – aber die wirklich allindische Sprache, mit der man allein durch das ganze Land kommt, ist – Englisch! Allen nationalbewußten Indern ist die englische Sprache gleichermaßen verhaßt und – vertraut. Und man kann leicht zu der paradoxen Feststellung gelangen, daß Indien überhaupt erst auf Englisch indisch werden konnte.

Indien ist unvorstellbar vielfältig. Die Karte seiner Sprachen, Religionen, Rassen ist so bunt wie ein hundertfach geflickter Bettlermantel. Und aus eigener Kraft hat Indien nie eine politische Einheit erreichen können. Erst die letzten Eroberer, die Engländer, haben den Subkontinent in seiner Ganzheit beherrscht. Eine Einheit, die allerdings schon im ersten Augenblick der Unabhängigkeit zerfiel: Pakistan spaltete sich von Bharat ab (so heißt der neue Staat Indien auf Indisch) – nach heftigen Auseinandersetzungen, die Zehntausende von Opfern forderten ...

Um so mehr spüre ich heute, da ich wieder einmal in Indien unterwegs bin, daß das Land bei aller Vielfalt seiner Bewohner doch eine einzige große Einheit bilcet. Und sofort drängte sich mir der Vergleich mit Europa auf. Auch in Europa bilden ja viele Länder und Völker über älle Unterschiede hinweg eine Einheit, an der nur zu zweifeln vermag, wer Europa niemals von außen angeschaut hat. Aber Indien ist in gewisser Hinsicht besser daran als Europa. Es ist von außen her, nämlich durch die Engländer, zwangsweise geeinigt worden. Was sich sonst vielleicht nie zusammengefunden hätte, war schon unter einen Hut gebracht, als dieFremdherrschaft abfiel. Bei alledem hat der Hinduismus mit seiner verwirrend vielgestaltigen Götterwelt Indien, das religiöseste Land der Welt, schließlich auch zu einer großen geistigen Einheit ausgeformt. Dies empfindet der Reisende schon nach kurzer Zeit. All die anderen Religionen, wie die der Sikhs, der verschiedenen christlichen Missionskirchen, ja sogar des Islam, spielen im Gesamtbild Indiens nur Nebenrollen. Dabei ist der – uralte – Hinduismus tolerant und allen Einflüssen offen. Seine heiligen Bücher gehören zu dem Großartigsten, was der Menschengeist geschaffen hat, sie haben weit über Indien hinaus gewirkt und tun es noch heute. War es nicht Schopenhauer, der den Satz geschrieben hat: "Das Studium der Upanischaden ist der Trost meines Lebens gewesen; es wird der Trost meines Sterbens sein."

Die Religion jener Herren, die vor den Engländern Indien beherrschten, ist alles andere als friedfertig: der Islam, der auch deshalb, weil er keine Kasten anerkennt, nie recht mit dem Hinduismus vereinbar war. Der Gedanke, daß jeder Mensch in einem mehr oder minder hohen oder niedrigen Grad der menschlichen Existenz von allem Anfang an hineingeboren sei, ist für einen Mohammedaner ganz unvorstellbar; denn für ihn steht jeder, der den Einen Gott und Mohammed, seinenPropheten, bekennt, unmittelbar vor den allmächtigen Schöpfer des Himmels und der Erde und teilt mit jedem anderen Bekenner die gleiche Ehre, den gleichen Rang. Es ist verständlich, daß die Engländer eher geneigt waren, sich der Hindus für die Verwaltung ihrer riesigen Domäne Indien zu bedienen als der Mohammedaner: sie waren ja bis dahin die Maßgebenden gewesen, nun standen sie grollend abseits. Um ein Beispiel zu nennen: Anno 1871 hielten Hindus und Moslems (lange also vor der heute vollzogenen Teilung Bengalens in Ost-Pakistan und West-Bengalen) einander die Waage, was die Bevölkerungszahl anbetrifft, und dennoch waren von 775 Stellen im öffentlichen Dienst, die mit Einheimischen zu besetzen waren, nur 92 in den Händen der Mohammedaner. Von Anfang an nämlich waren viele Hindus bereit, westliche Bildung und westliches Wissen zu erwerben (was in Indien stets englische Bildung und englisches Wissen bedeutet), während die Mohammedaner, für die ja im Studium des Korans alles beschlossen war, was überhaupt zu wissen wert ist, für die englische Verwaltung viel weniger gut zu gebrauchen waren. So entwickelte sich unter den Hindus viel eher als unter den Mohammedanern jene – sozial zum Mittelstande – gehörende Schicht, die in westlichen Gedanken und in den politischen Vorstellungen der englischen Welt heimisch wurde und noch die führende Rolle spielt.