Berlin, Anfang April

Die Frage, ob das Märtyrertum zu den Amtspflichten eines evangelischen Pfarrers gehört, ist jetzt von der Kirche rechtsverbindlich beantwortet worden. Die beiden Pfarrer Gerber und Rommel, die vor vier Monaten ihre brandenburgischen Landgemeinden verlassen hatten und nach Westberlin geflüchtet waren, sind in einem Disziplinarverfahren der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg mit der Begründung freigesprochen worden, sie hätten sich "eines Dienstvergehens nicht schuldig" gemacht.

Das Disziplinarverfahren gegen die beiden Flüchtlinge war im Dezember vom Konsistorium eingeleitet worden, um zu klären, ob die Pfarrer durch ihre Flucht von Amt und Gemeinde die aus ihrem Ordinationsgelübde begründeten Amtspflichten schuldhaft verletzt hätten. Die Gemeinden hatten um die Rückkehr der Geflüchteten gebeten, diese aber waren unter Hinweis auf ihre drohende Verhaftung in Berlin geblieben (vergl. DIE ZEIT, Nr. 52/1957 und Nr. 2/1958).

Die beiden Pfarrer wurden freigesprochen, weil die Verhandlung ihre persönliche Gefährdung erwies. Zwar erkannte die Disziplinarkammer ausdrücklich die Weisung der Kirchenleitung an, nach der von einem evangelischen Pfarrer auch die Bereitschaft zum persönlichen Opfer und Leiden erwartet wird. Sie war jedoch der Meinung, daß diese Leidensbereitschaft dem Pfarrer nicht amtlich auferlegt werden könne, sondern freiwillig von ihm zu erfüllen sei. Mit anderen Worten: Niemand ist von Amts wegen zu Martyrium verpflichtet.

Wirklich niemand? Die Einsicht in die Schwäche und die Leidensgrenze der menschlichen Natur, die die Kirche ihren Amtsträgern gegenüber großzügig bezeigt, wendet sie bei ihren Gemeindegliedern nicht an. In der Frage der Jugendweihe, die Tausende evangelischer Christen in der Zone betrifft, ist sie unerbittlich und legt den Gläubigen wenn nicht das Martyrium, so doch schwerste persönliche Belastungen auf. Nach wie vor gilt die "Ordnung des Kirchlichen Lebens der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg" von 1954, die besagt: "Kinder, die sich einer Handlung unterziehen, die im Gegensatz zur Konfirmation steht (Jugendweihe oder dergleichen), können nicht konfirmiert werden."

Wie heftig der Druck auf die Familien ist die die Jugendweihe verweigern, wird indessen erst aus der Realität des Lebens in der "DDR" ersichtlich. Lehrstellen und höhere Schulbildung werden den Kindern verweigert, die nicht an der Jugendweihe teilnehmen.

"Wir sind verzweifelt", schrieb kürzlich eine Frau aus dem Vogtland an Berliner Verwandte, "der ganze Lebensweg von unserem Dieter wird schieflaufen, alles wegen der Jugendweihe. Er kann nun nicht auf die Oberschule. Erst lief uns der Lehrer das Haus ein, der Junge sei so begabt, er müsse unbedingt auf die Oberschule, jetzt reichen plötzlich seine Leistungen nicht aus. Das sagen sie offiziell, es ist aber nur, weil er nicht zur Weihe geht. Nächste Woche wird er nun konfirmiert. Er hat sich so darauf gefreut, aber seine Zukunft ist hin. Er wollte immer mal studieren, weil ihn Geschichte so interessiert, er liest immerzu Geschichtsbücher. Nun kann er nicht mal auf die Oberschule. Auch Lehrstellen gibt’s hier nirgends für ihn. Vielleicht kommt er bei der Eisenbahn unter, die brauchen immer Leute. Aber sicher ist das auch noch nicht."

Gewiß, die Kirche verkündet von den Kanzeln: "Keine Kompromisse mit dem Atheismus!" Ist aber die Flucht von Amt und Gemeinde nicht letzten Endes auch ein Kompromiß? Und darf die Kirchenleitung, die hier Großmut walten läßt und der menschlichen Schwäche nicht das Opfer persönlicher Freiheit zumutet – dar! sie der Gemeinde jene kaum geringeren Opfer abverlangen? Sabine Lietzmann