Gute Filme sind selten. Filme, die Gutes bewirken wollen, noch seltener. Es gibt aber gute Zeitungen, die gute Filme bewirken wollen. Während gute Filme, die gute Zeitungen fördern wollen, selten sind. Hier ist einer: "Nasser Asphalt". Der Regisseur Frank Wisbar ("Fährmann Maria" 1936, "Haie und kleine Fische" 1957). Die Assoziation Asphalt und Asphaltjournalismus ist in der Zeit der Betonstraßen ein bißchen von gestern, der Vorgang ist es leider nicht.

Wisbars Film hat authentisches Material. Er klagt einen Sensationsreporter an, der im Jahre 1951 die grauenhafte Nachricht von den "Höhlenmenschen" in Gdingen in die Welt setzte, von Soldaten, die sechs Jahre in einem Schacht des gesprengten Verpflegungsbunkers eingeschlossen gewesen sein und, durch Aufräumungsarbeiten der Polen befreit, halb wahnsinnig wieder an das Licht dieser Erde gekommen sein sollten. Der Lügenreporter heißt im Film Cesar Boyd und ist Deutscher. In Wirklichkeit hieß er Ormonde Godfrey und war Amerikaner.

Die vorsichtige Anmerkung des Films, daß die handelnden Personen frei erfunden seien, ändert nichts daran, daß jene Meldung aus Gdingen in der ganzen sensationswütigen Welt ein grauenhaftes Echo gehabt hat und dazu beitrug, sowohl die politischen Spannungen mit den Polen zu vergrößern als auch Menschen mit der Hoffnung zu narren, daß sie unter den Halbtoten von Gdingen ihren Mann oder den Sohn wiederzuerkennen glaubten. Daß die erfundene Nachricht Rudolf Hagelstange als Vorwurf zu einem tiefempfundenen Gedicht, der "Ballade vom verschütteten Leben" diente, (Die ZEIT Nr. 8/58), ist ein Trost in dieser Affäre, die so beschämend ist, weil sie einerseits Menschen zeigt, die ohne Hemmungen Lügen wie Trödelware verkaufen, andererseits aber Menschen, die aus Sensationsgier Lügen wie Honig löffeln.

Frank Wisbar inszenierte realistisch, nuanciert und kraftvoll, doch weniger robust als Billy Wilder in "Reporter des Satans". Der Film ist nicht frei von Längen. Die Demonstrationen der aufgestachelten Menge vor der polnischen Militärmission in Berlin sind zu breit ausgespielt. Und einmal hat der Drehbuchautor des Guten zu viel getan: Daß der kaltblütige Lügenreporter sehr luxuriös wohnt, mag der Wirklichkeit entsprechen. Daß er aber nach der Logik "Wer morgens Schnaps trinkt, zündet auch Häuser an" als Vormund der Tochter eines Freundes dieser jungen Unschuld lüstern nachstellt, das wirkt zu dick aufgetragen, zumal die junge hübsche Maria Perschy in dieser unergiebigen Rolle nichtssagend und blaß bleibt. Martin Held als Cesar Boyd ist so stark, daß das Publikum am Anfang an den falschen Stellen lacht, weil es seine Kapriolen bewundert. Zuletzt ist er ein Getriebener, dessen Verstand nicht ausreicht, rechtzeitig zu erkennen, wohin sein Leichtsinn führen würde.

Das Gewissensdrama des Mitschuldigen im eigentlichen Mittelpunkt des Films, des Assistenten von Cesar Boyd, Greg Bachmann, der langsam erweicht und sich durchringt, hätte noch stärker sein können, wenn Horst Buchholz, der ihn spielt, am Anfang mehr überzeugt hätte. Zwar schlägt ihm bei seinem Auftauchen auf der Leinwand eine Welle der Sympathie aus dem Zuschauerraum entgegen, aber er wirkt zu kindlich unbedarft, als daß der aufmerksame Betrachter ihm glauben sollte, Churchill hätte ihm ein Interview gegeben. Erst seine leidenschaftliche Explosivkraft, mit der er später der Wahrheit zum Siege verhilft, läßt die glühende Flamme erkennen, die ein junger Mensch in diesem Beruf haben muß, um die Lüge und die Sensation von der Wahrheit zu scheiden.

Wisbar malt nicht schwarz oder weiß. Er zeigt, daß unter den wenigen. Gerechten viele große und kleine Sünder leben (prall und echt Gert Fröbe als ergebener Chauffeur Boyds, der ihm ungewollt die Story liefert und aus mangelnder Zivilcourage mitlügt). Ein guter Film, weil er, indem er die Gewissensfrage nach der publizistischen Wahrhaftigkeit stellt, das Gute bewirken will und vielleicht sogar wirklich bewirkt, indem er suggestiv an die Öffentlichkeit appelliert, weniger feige, indolent, ängstlich, weniger vertrauensselig und dafür wachsamer zu sein. Erika Müller