Von Walter Abendroth

Vom „tiefen Erschrecken“ sprach Bundespräsidem Professor Heuss anläßlich des plötzlichen Todes von Reinhold Schneider. Schneider war nicht nur ein großer Schriftsteller, ein bedeutender Dichter, ein Geschichtsdeuter von einsamem Rang, sondern eine überragende Gestalt des Europäertums und ein Zeuge kompromißlos christlicher Lebenshaltung.

Beides, sein Christentum wie sein Europäertum, bedeutete ihm keine Beruhigung, keine Sicherheit, sondern immerwährende Aufgabe. Die Auffassung, daß das Weltbild der griechischen Tragiker durch die Nachfolge Christi in der Geschichte abgelöst worden sei, war ihm fremd. Vielmehr sah er in der Zusammengehörigkeit beider Erbschaften, der antiken und der christlichen, die „tragische Gesetzmäßigkeit europäischen Geschischtsverlaufs“ vorgezeichnet, deren Abbrechen ihm „im höchsten Grade unwahrscheinlich“ erschien.

Daß alle noch so innerliche Glaubenskraft den tragischen Grundzug des Daseins nicht auszulöschen vermag, das war Reinhold Schneider in einer sehr nüchternen Art bewußt: Vor dem Abgrund der kosmischen Wirklichkeit in ihrer unvorstellbaren Ausdehnung, aber auch vor dem Leiden der hilflosen Kreatur erwiesen sich ihm die geläufigen theologischen Antworten als unbefriedigend. Die Unruhe bleibt dem Gläubigen, und der Zweifel ist vielleicht sein stärkster Ansporn zum Gebet. Dies war von je die religiöse Haltung der großen Ketzer wie der großen Heiligen. Und unter dem Gesetz solcher Haltung stand das Sein und Wirken Reinhold Schneiders durch alle seine Tage.

Wer so sehr nach der Forderung seines Geistes und seines Gewissens lebt, wer dem „tragischen Soll“ so wenig ausweicht, wird stets auch damit rechnen müssen, mißdeutet zu werden. Vor allem wird er leicht in den Verdacht der Weltfremdheit geraten. Wie wenig dieser Verdacht Reinhold Schneider treffen kann, beweist sein schriftstellerisches und dichterisches Lebenswerk jedem aufgeschlossenen Leser – beweist besonders sein Verhalten unter der Hitlerdiktatur.

Der seit dem Erscheinen des „Inselreichs“ (1936) schon unliebsam Aufgefallene, der 1942 einem vollständigen Druckverbot verfiel, ließ während des Krieges viele Tausende von heimlich hergestellten maschinegeschriebenen Gedichten und Schriften an alle Fronten gehen. Diese Arbeiten riefen zur Besinnung, zur Verantwortung, zur Erweckung des sittlichen Bewußtseins, zur Rettung des Menschenbildes auf. Sie wurden von Hand zu Hand weitergeleitet und brachten unzähligen Soldaten Trost, Hoffnung und Ermutigung. Natürlich kamen die Schergen dahinter. Einzig der beginnende Zusammenbruch rettete Schneider vor dem bereits vorbereiteten Hochverratsprozeß, dessen Ausgang nicht zweifelhaft gewesen wäre.

Der Dichter und Gelehrte hat in dieser gefährlichen Preisgabe der Vorsicht und Rücksicht nie etwas anderes als eine Selbstverständlichkeit gesehen. Die Gefahr ängstigte und bedrückte ihn nicht halb so sehr wie das deutsche Schicksal. Ein stiller Gleichmut in allem, was seine Person betraf, war ihm jederzeit eigen.