Ein drittes Argument gegen das Maudling-Projekt wird von französischer Seite neuerdings immer mehr in den Vordergrund der Debatte geschoben. In der vorgesehenen Freihandelszone wäre Großbritannien als einziges Land zwei handelspolitischen Präferenzsystemen angeschlossen. Die britische Industrie wäre in der Lage, zollfrei in das Gebiet des Gemeinsamen Marktes zu exportieren und würde zugleich in den Ländern des Commonwealth Präferenzzölle genießen. Nach den bisherigen Vorschlägen würden dagegen die Mitglieder des Gemeinsamen Marktes in den Ländern des Commonwealth nicht die Meistbegünstigung beanspruchen können.

„In einer Nußschale“, wie die Engländer sagen, heißt das: die britische Industrie käme in den Genuß der Vorteile des Gemeinsamen Marktes – der Zollfreiheit –, ohne an den Lasten der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft zu partizipieren. (Diese Lasten müssen in Form irgendeiner europäischen Abgabe zur Finanzierung der Verwaltung des Gemeinsamen Marktes früher oder später der kontinentalen Wirtschaft überbürdet werden.) Gleichzeitig würden die Märkte des Empire der britischen Industrie weiterhin mehr oder weniger exklusiv zur Verfügung stehen.

Um es an einem konkreten Beispiel zu erläutern: in der Freihandelszone würde die britische Automobilindustrie zollfrei nach Frankreich und Deutschland exportieren und zugleich in Australien und Neuseeland Präferenzzölle genießen. Die deutsche, französische und italienische Automobilindustrie könnte dagegen bloß England zollfrei beliefern. Somit würde der britischen Industrie der weitaus größte Absatzmarkt zufallen. Amerikanisches Kapital hätte unter diesen Voraussetzungen in Großbritannien eine optimale Investitionsmöglichkeit, und England könnte zu einem Brückenkopf der außerkontinentalen Konkurrenz in Europa ausgebaut werden. Zugleich würde dadurch die Gefahr der Dollarlücke für England geringer – ja, die Möglichkeit der Überwindung der britischen Dollarlücke würde in greifbare Nähe rücken –, und der Dollarmangel auf dem Kontinent würde eine Verschärfung erfahren.

Die britischen Handelspolitiker verdienen von Seiten ihrer Industrie eine gute Note. Regierung und Opposition haben, sich deshalb einmütig für das Maudling-Projekt erwärmen können. Andererseits haben weitsichtige Kreise in England früh mit der kontinentalen Skepsis zu rechnen begonnen. So bemerkte der „Economist“ am 12. Oktober 1957 mit erstaunlicher Objektivität: „Das ursprüngliche Freihandelszonen-Konzept war allzu klug. Es entsprach klar allen britischen Bedürfnissen, doch übersah es jene der anderen Völker... Beide Seiten werden daher nachgeben müssen.“

Beide Seiten werden nachgeben müssen, weil sowohl England als auch Kontinentaleuropa im Falle einer beidseitigen handelspolitischen Aufrüstung und eines anschließenden Zollkrieges wahrscheinlich mehr zu verlieren als zu gewinnen hätten. Gegenwärtig droht England die Diskriminierung durch die Wirtschaftsgemeinschaft und droht dem Gemeinsamen Markt möglicherweise der Boykott der OEEC und EZU durch Großbritannien und die andern Verhandlungspartner der Freihandelszone. Es ist klar, daß eine Einigung nicht auf der Ebene des ursprünglichen britischen Vorschlags erfolgen kann. Wenn Großbritannien in den Genuß der Vorteile des Gemeinsamen Marktes kommen will, darf es seinen Beitritt nicht mit der Forderung nach Sonderrechten verbinden. Einzig die Gleichberechtigung aller Partner kann ein sinnvoller Ausgangspunkt der Verhandlungen sein.

Diese Gleichberechtigung ist dann hergestellt, wenn die Commonwealth-Präferenzen auch den europäischen Handelspartnern Englands zugestanden werden. Die wirtschaftlichen Bande zwischen den Gliedern des britischen Empire würden durch eine derartige Regelung nicht zerschnitten, vielmehr würde das Commonwealth enger als bisher mit Europa verbunden. Ein britisches Angebot, die Vorzugszölle auf dem Wege der Multilateralisierung auch dem Gemeinsamen Markt zugute kommen zu lassen, würde die zahlreichen Gegner der Freihandelszone in Frankreich und Italien deshalb in eine taktisch ungünstige Verhandlungsposition hineinmanövrieren, weil eine derartige Geste als eine erste tatsächliche Konzession seitens Großbritanniens gewertet werden könnte. Möglicherweise wäre ein solcher Vorschlag ein geeignetes Thema für die von dem kanadischen Premierminister Diefenbaker auf den Sommer einberufene Commonwealth-Wirtschaftskonferenz in Ottawa.