R. D, Hamburg TV "ich hatte die Getränkekarte angelockt, die auf L der Straße neben dem Eingang aushing. Nicht nur deshalb, weil auf ihr Wodka, Subrowka, Nikolaschka, Rjabinowka und Pomeranzen verzeichnet waren. Sondern weil sie, zweisprachig war: deutsch und russisch.

Das Lokal, in der Nähe des Hamburger Hauptbahnhofs, hat einen russischen Titel, der zu deutsch Heimatland heißt. Der Zusatz lautete "Altrussischer Keller". Ich stieg hinab. Nun ja, Keller stimmte jedenfalls, und ich sagte mir: Wo der eine Teil des Namens so eindeutig seine Bestätigung findet, da muß es doch auch mit dem anderen — dem Russischen — seine Richtigkeit haben.

Als ich den durch Säulen und Winkel gemütlich gegliederten, von Tischkerzen und Deckenbeleuchtung erhellten Raum betrat, spielten die Musiker (Klavier, Cello, Balalaika und Bandonium) "Schwarze Augen", und ich sah ein paar Kellner in heller Kossoworotka, der Gürtelbluse, geschäftig um das Wohl der Gäste bemüht. Und einer von ihnen fragte mich bald: "Was darf ich Ihnen bringen?" Er sagte es auf Deutsch, worauf ich Russisch erwiderte: "Sagen Sie bitte, was für ein Bier gibt es denn hier?" Ich hatte es so gut gemeint. Mußte sich jetzt nicht auf seinem Gesicht etwas wie eine kleine freudige Überraschung zeigen? Statt dessen fragte er mich höchst skeptisch: "Verstehen Sie nicht Deutsch?" Ich bestellte — auf deutsch — Pomeranzen und tröstete mich selbst: Aushilfe. Gewiß war ein russischer Kellner krank geworden und mußte von einem deutschen vertreten werden . Ich sah mich um. An der Wand hingen Bilder. In der Nähe meines Tisches erblickte ich ein größeres historisches Bild, mit vielen Personen: "Gesandter des Fürsten von Kursk Es schien ein Öldruck zu sein. Links davon sah ich das schwungvoll gezeichnete Porträt eines jungen russischen Offiziers, mit üppigen, runden Epauletten ("Schulterstücke" hießen sie in der deutschen Wehrmacht). Die Zeichnung stellte Lermontow dar, nicht nur den größten russischen Lyriker des 19. Jahrhunderts, sondern einen der größten Dichter der Weltliteratur, ein Genie der hintergründigen Stimmungsmalerei.

Auf einer anderen Wand sah ich das, was man doch unbedingt vorzeigen muß, wenn man einen Geschmack von "Altrußland" geben will: Eine Troika galoppierte durch den Schnee. Die Pferde bäumten sich mit der Grazie von Balletteusen. Der Kutscher trug einen Mantel von süßlichem Himmelbläu, soweit ich dies bei der gemütvollschummrigen Beleuchtung erkennen konnte! Aus einer Wandleiste oberhalb des Bildes quoll in Büscheln indirektes Licht, krasses Rot und krasses Grün.

Als ich den dritten Pomeranzen bestellt und so zu verstehen gegeben hatte, daß ich den Mann, der in der Kossoworotka für mein Wohl sorgte, weder durch Russisch in Verlegenheit setzen noch durch allzuweiiig Verzehr seinen Verdruß hervorrufen wollte, fragte ich ihn: "Wer spricht denn hier eigentlich Russisch?" Da sägte er selbstsicher: "Das Orchester und der Wirt", wobei er zwischen die Worte Orchester und Wirt eine Fermate einlegte und von der einen Seite zur anderen eine kurze, halbkreisähnliche B ewegung: mit der Hand machte, so als striche er über das ganze Lokal hinweg, in dem also eigentlich lauter Russen sitzen mußten.

An meinem Tisch saßen zwei Damen. Augenscheinlich Russinnen aus der Emigration, die, wie im zaristischen Rußland, im Rußland auch von Tolstojs "Krieg und Frieden", einst in ihrer großen "Rodina", in ihrem alten. Vaterland, Französisch, nunmehr unter Deutschen aber Deutsdhi sprachen, in höflicher und taktvoller Anpassung an das. Gastland. Sicherlich. Blickten sie, während ein altes Volkslied gespielt wurde, auf ganz und gar russisch verträumte Weise hin zum Orchester?, Sie schienen in Gedanken versunken, in wehmütige Träume, und in ihren Augen war ein feuchter Glanz wie Wolga Widerschein. Da aber beugte sich die ältere Dame zur etwas jüngeren und sagte zu ihr in einwandfreiem Hamburgischi "Rück doch näher ran; denn kannstu besäter kieken Ich ging zum Wirt. Er saß inmitten des Lokal hinter einer Balustrade, auf der zwei Samoware standen. Denn bei ihm konnte ich doch wohl au berufenem Munde erfahren, was es hier im "alt russischen Keller" mit den Russen auf sich habe ; Würde er mir im schönsten Russisch — im Moskauer — Auskunft geben? Oder im Petersburger? Immerhin, der Wirt war ein Ukrainer. Auf die Frage, wann denn seine Landsleute in sein Lokal