Von Siegfried Melchinger

In der nächsten Saison begeht das Zürcher Schauspielhaus das Zwanzigjahr-Jubiläum der Direktion Wälterlin. Es soll ein denkwürdiges Theaterjahr werden. Die Erinnerung an große Ereignisse, Uraufführungen und deutschsprachige Erstaufführungen (Giraudoux, Wilder, Lorca, Claudel, Eliot, Sartre, Kaiser, Brecht, Zuckmayer) soll durch ausgewählte Neuinszenierungen belebt werden. Vor allem aber soll der Blick in die Zukunft gewandt werden: Es ist nicht ausgeschlossen, daß die „Welturaufführung“ (wie man so sagt) von Genets skandalisierendem „Balkon“ in Zürich stattfindet. Und zwei der führenden Dramatiker deutscher Sprache, Dürrenmatt und Frisch, haben dem Theater, das sie entdeckt hat, die Uraufführungen ihrer neuen Stücke versprochen. Das dürften, obwohl es sich um Schweizer handelt, Welttheaterabende werden. Dürrenmatt ist in diesen Tagen mit The Visit („Der Besuch der alten Dame“) Broadway-Autor geworden. Und Frisch hat ähnliche Erfolge mit seinen Romanen erzielt.

Da Max Frisch seit sechs Jahren kein neues Stück mehr geschrieben hatte, fuhr man erwartungsvoll zu der Einakter-Uraufführung, die das Zürcher Schauspielhaus als Vorspiel zu der kommenden Uraufführung eines neuen abendfüllenden Werks jetzt unter dem Titel „Biedermann und Hotz“ herausgebracht hat.

Wenn man die beiden Stückchen als Etüden betrachtet, mit denen sich der Autor wieder in das dramatische Metier einübt, so sind sie recht aufschlußreich. Vor allem das zweite, das als Sketch bezeichnet ist: Die große Wut des Philipp Hotz.

Zum erstenmal bei Frisch erscheint hier der Intellektuelle, in welchem der Autor ja wohl auch sich selbst angesprochen wissen will, als Objekt schonungsloser Satire. Er wird gezeichnet als „der arme Mann, der nicht tut, was er redet, und der daran leidet, daß ihm seine Tatunfähigkeit stets bewußt ist, und der schließlich, bloß damit die Welt (seine Frau) ihn ernst nehme, etwas Läppisches tut im vollen Bewußtsein, daß es läppisch sein wird.“

Was er tut, ist allerdings arg läppisch: er schließt seine Frau, die ihn betrogen hat, sich aber nicht scheiden lassen will, in einen Schrank ein, zertrümmert mit Hilfe zweier Dienstmänner die Wohnungseinrichtung und droht der Eingesperrten, er werde in die Fremdenlegion gehen. Nachdem er ohne Erfolg sämtliche Argumente, mit denen er zurückgehalten zu werden hofft, ausgespielt hat, sehen wir ihn hinter dem großen Gitter der Kaserne von Marseille, während „Dorli“, die es ihm doch nicht zugetraut hätte, daheim verzweifelt die Hände ringt.

Die Schlußpointe liegt auf der Hand: er ist nicht angenommen worden; müde kehrt er zurück in das traute Heim, wo ihm Dorli selig um den Hals fällt. Verlegen fragt er: „Ist Post für mich gekommen?“