Gäbe es doch endlich einmal einen Kriegsfilm, der unverhüllt die Wirklichkeit modernen Völkermordens zur Anschauung brächte und durch Abschreckung zum Segen für alle werden könnte. Aber von solchem Mute zur radikalen Realistik halten sich die Filme jedoch wohlweislich fern, und das drückt ihnen samt und sonders den Stempel der Verlogenheit, mindestens der nicht vorbehaltlosen Wahrhaftigkeit auf. Dadurch werden sie – ganz gleichgültig, wie im übrigen ihre behauptete „Tendenz“ sein mag – zu einer Gefahr für den Frieden. Denn in dieser Sache sind heute keine Kompromisse mehr möglich. Jeder reife Mensch sollte sich darüber klar sein, daß einzig der Anblick der vollen Wirklichkeit des Krieges bei der Jugend deren natürlichen Hang zum Abenteuer, zum blinden Wagnis, zum vermeintlichen und wirklichen Heroentum – und schließlich zum bloßen Raufen und Knallen überwinden könnte. Aber eben: der Anblick einer nackten Wirklichkeit.

Natürlich würden Kriegsfilme solcher Art vielleicht geschäftlich unrentabel sein. Dann erhöbe sich erst recht die Frage: wozu überhaupt? Und auf eben diese Frage bleiben tatsächlich alle Filme eine eindeutige Antwort schuldig. Sie alle sind im Grunde Dokumente der Verlegenheit zwischen zwei einander widerstrebenden Tendenzen der Gegenwart: den Friedenswillen zu vertiefen und die Verteidigungsbereitschaft zu stärken. Theoretisch läßt sich das wunderschön vereinigen; aber praktisch hat das „si vis pacem, para bellum“ noch nie so recht funktionieren wollen. Wer fleißig Klavier übt, will auch einmal ein Konzert geben; wer aber nicht übt, kann auch gezwungenermaßen keins geben... das ist das Dilemma.

Unter solchem Aspekt gewähren auch die Kriegsfilme, die neuerdings aus amerikanischen Ateliers zu uns (über uns) kamen, mehr Unbehagen als Erbauung oder wirkliche Orientierung. Bei der „Brücke am Kwai“ war nicht ganz herauszubekommen, ob die darin vordemonstrierten Tugenden, Untugenden und Zufälle den Krieg als „Bewährungsmittel“ rechtfertigen oder ad absurdum führen sollten. Das größte Positivum war dabei wohl das handfeste Handlungsgerüst, dessen Träger freilich nicht durchweg unbedingt auf festen Füßen standen. Demgegenüber entfiel angesichts des „Duell im Atlantik“ eigentlich ein Zweifel an der beabsichtigten „Moral“. Hier War der Krieg einfach als Gegebenheit genommen, als Kulisse für „Spiel unter Männern“ quasi, das sich ähnlich auch unschwer im sportlichen Milieu entfalten könnte; selbstverständlich nicht ohne einige Nuancen ethischer Wertunterscheidung zwischen den Parteien ...

Und nun wurden noch (als Erstaufführung im Münchener „Universum“) die „Jungen Löwen“ (The Young Lions, nach dem Roman von Irvin Shaw) auf uns losgelassen. „Siehe, ich will deine Wagen im Rauch anzünden und das Schwert soll deine jungen Löwen fressen“ lautet das Bibelwort, von dem hier die jungen Soldaten ihr heroisches Pseudonym bezogen haben. Bei Irvin Shaw ist ihrem Tun und Leiden aufgegeben, zu zeigen, daß – trotz allem – Schwarz und Weiß nicht nach Nationen verteilt sind, sondern nach Individuen, und daß der Sinn oder Unsinn verhängnisvollen Geschehens die einen wie die anderen in ein gemeinsames Schicksal stürzt. Hierin gründet ein echter Gedanke des Friedens. Der Film von Edward Dmytryk (Centfox in Cinema Scope) hat leider gerade diesen Gedanken doch wohl abgewertet. Er verzichtet nicht auf die Nuancen ethischer Wertunterscheidung, wenn er sie auch mit äußerst geschickter Hand anbringt; ihre „Unmerklichkeit“ wirkt um so gewisser in der gewünschten Richtung.

Sonst allerdings kommt er der Wirklichkeit des Krieges weit näher als die beiden früheren Filme: man sieht jedenfalls einige unmittelbare Reflexe des Grauens, und die Abschreckung wäre kaum mehr in Frage gestellt, wenn das „Wie“ zu überzeugen vermöchte. Eine empfindliche Schwäche liegt darin, daß selbst Dmytryk es nicht geschafft hat, die filmfremde Epik des Romans mit seinem lockeren Gefüge episodischer Einzelschicksale in einen einheitlichen dramatischen Ablauf umzuschmelzen. So verwirrt den Zuschauer ein zerstreuendes Zuviel von Thematik und Lokalität. Schwerer noch wiegen andere Mängel der Regie und der Darstellung. Eine ganz überzeugende Figur zeigt nur Montgomery Clift als jüdischer Handelsangestellter Noak Ackermann, ein doppelt Gedemütigter, der gegen die Judenmörder zu Felde zieht und in der eigenen Kameradschaft Rassenhaß zu spüren hat. Marlon Brando in Knallblond als deutscher Offizier berührt nur die Grenze der Glaubwürdigkeit; wenn auch seine Desillusionierung einigermaßen „hinkommt“. Maximilian Schell als Hauptmann, Typ „Gehorsam über alles“, bleibt im Klischee stecken. May Britt fühlt sich als Berliner Hauptmannsfrau begreiflicherweise (aber zu offensichtlich) nicht wohl, und auch der übrige Personenzettel macht diese eklatanten Fehlbesetzungen nicht wett. So muß auch dieser Streifen, sofern er etwa bestimmt gewesen sein sollte, den endlich fälligen ehrlichen Kriegs-Entlarvungs-Film zu repräsentieren, als ein Versuch mit untauglichen Mitteln verbucht werden. Leider!

Walter Abendroth