DIE ZEIT

Jeder von uns hat so seine Lieblingshypothesen – Jer würde sie selber möglicherweise nicht so, sondern „Überzeugungen“ oder gar „Erkenntnisse“ nennen.

Zwei solcher Hypothesen, die ich vielleicht Überzeugungen oder Erkenntnisse nennen möchte, haben eines gemeinsam. Die Hypothesen lauten: 1. Es gibt in der Literaturkritik keine absoluten Werte, keine unbedingt „richtigen“ Urteile; 2. Es gibt bestimmte Themen, über die man mit bestimmten Leuten (diese Leute wechseln, je nach dem Thema) nicht gelassen reden kann.

Beide Hypothesen haben gemeinsam, daß sie sich durch Françoise Sagan illustrieren lassen.

Als wir (in der ZEIT Nr. 37/1957) die französische Ausgabe des letzten Romans der jungen Autorin, die in der bürgerlichen Wirklichkeit damals Mme. Quoirez hieß und heute Mme. Schoeller heißt, kurz anzeigten, gab es daraufhin eine ganz unerwartete und bei der anspruchslosen Ankündigung eigentlich gar nicht gerechtfertigte Flut von Briefen – was dem Redakteur anzeigt, daß er unversehens einen jener geheimen Mechanismen berührt hat, die überall in unserem Alltag verborgen liegen – eines jener Themen, über die man nicht gelassen reden kann.

Die meisten Briefschreiber lehnten erbittert ab (denn die Empörung ist der emsigste Schriftsteller), sagten zunächst Schmeichelhaftes über das „Niveau der ZEIT“, um dieses „Niveau“ dann – wegen unserer im allgemeinen positiven Bewertung der Françoise Sagan – vernichtend in Frage zu stellen.

Nachdem jener dritte Roman nun auch in Deutschland erschienen ist, drucken wir heute eine Rezension unserer Münchener Mitarbeiterin Barbara Bondy ab. Der Zufall will es, daß auch Frau Bondy – in Geschmack und Temperament dem Verfasser der ersten, Ankündigung durchaus unähnlich – nicht geneigt ist, diesen Roman und seine Verfasserin leichthin oder von oben her abzutun.