Von Johannes Jacobi

Hin und wieder begegnen dem reisenden Späher nach bedeutenden Theatereindrücken Aufführungen, die kaum einzuordnen sind. Ich habe so etwas jetzt in Stuttgart und München erlebt. Im Württembergischen Staatstheater gab es einen einstündigen Einakter von Eugene Ionesco zum erstenmal deutsch zu sehen. Er heißt „Das Gemälde“. Zwischendurch und hinterher pfiffen manche Theaterbesucher, und der neue, jugendliche Stuttgarter Schauspieldirektor Dietrich Haugk hatte, was ihm zweifellos nützt: „seinen“ Theaterskandal.

Voran ging eine „Szene aus dem Volke“ von Henri Monnier (1799–1877): „Das Begräbnis“. Sie schildert, wie sich „die sonderbaren Freunde des Herrn Périnet“ bei dessen Bestattung benehmen: lieblos, trivial, egoistisch. Das ist nicht mehr, als ein Sketch, niedergeschrieben von einem karikaturistischen Zeichner und Schriftsteller in Paris, dessen historische Bedeutung darin besteht, daß er die Figur des Prud’homme schuf, jenes aufgeblasenen Kleinbürgers, der durch Balzac dann auch literaturfähig geworden ist.

Aber „Das Begräbnis“ ist dünn. So dünn, daß man sich schon bald zu langweilen begann – und dies, obwohl Dietrich Haugk mit fast dem ganzen Stuttgarter Ensemble eine virtuose Pantomime in Schwarz in Szene gesetzt hatte. Wenn soviel darstellende Kunst aus rein mimischem Bereich leerläuft, dann zeigt sich doch wohl schlüssig: Der Zuschauer will zunächst vom Sinn gepackt und dann erst von dessen Verpackung entzückt werden.

Dieselbe Frage nach der Substanz richtet sich an Ionesco. Der französische Rumäne gilt uns als der Theatraliker des Absurden. Er besitzt szenische Phantasie und hintergründigen Humor. Aber die Lust am Spiel scheint mit Ionesco manchmal durchzugehen. Mit dem „Gemälde“ ist er ganz offen beim Grand Guignol gelandet – „Hanswurstiade“ nennt es die deutsche Übersetzung. Auf eine tiefere Bedeutung dieses Scherzes mit einer Zauberpistole und dieser Satire auf das Kunstbanausentum deutet des Autors erklärender Satz: „Sich blöd stellen ist auch eine List.“

Der blödelnde Ionesco zeigt einen Börsenjobber, der an seinen Geschäftserfolgen leidet. Er will nun ein Gemälde erwerben. Den Maler beschwatzt er so lange mit den gängigen Phrasen, bis dieser schließlich froh ist, daß der „unglückliche“ Börsenmann das Gemälde gegen Miete, die der Maler zahlen soll, überhaupt aufhängt. Dann gehen dem Geschäftsmann die Nerven durch.

Er umarmt die gemalte Frauengestalt, schießt mit der Zauberpistole seiner Sehnsucht auf seine alte Schwester und auf eine Nachbarin. Sie schlüpfen aus ihren häßlichen Kleidern wie Papagena in der „Zauberflöte“: jung und appetitlich. Sogar der Maler wird zum Märchenprinzen „geschossen“. „Wer schießt auf mich?“ – mit dieser Frage bietet der Börsenjobber zum Schluß dem Theaterpublikum die Pistole an. Anstatt zu schießen, pfeift es oder klatscht Beifall.