Obwohl Historiker und Memoirenschreiber vom ersten Weltkrieg längst zum zweiten übergegangen sind und nennenswerte Überraschungen von den durchröntgten Kriegsfronten weder strategisch noch politisch erwartet werden können, dürften die kürzlich der Versiegelung entrissenen Aufzeichnungen eines französischen Unterstaatssekretärs, der in geheimer freiwilliger Mission 1918 im Kampfgebiet sein Leben opferte, einen so aufschlußreichen wie überraschenden Einblick in Frankreichs vielunterschätztes inneres Kräftereservoir gewähren:

„Les Carnets secrets d’Abel Ferry“ („Die Geheimtagebücher von Abel Ferry“). Bernard Grasset, Paris. 257 S., 840 F. + T. L.

Im Unterschied nämlich zu den meisten üblichen Tagebuchpublikationen hat man es hier mit völlig unretuschierten, von ihrem Verfasser nicht einmal mehr überlesenen Niederschriften zu tun. Der beim Kriegsausbruch 1914 dreiunddreißigjährige Vogesen-Deputierte Ferry hatte sich freiwillig gemeldet und war als Frontsoldat Beauftragter und Verbindungsmann zwischen der politischen und der militärischen Kriegsführung. Als solcher maß er die Mitglieder der Kriegskabinette und die Oberbefehlshaber an der eigenen federnden Energie, seinem unerschütterlichen Durchhaltewillen. Patriotische Kritik leiht seinen Beurteilungen eine fast sensationelle Schärfe.

Gerade als Elsässer fürchtete Ferry, Frankreich könne nach dem siegreichen Kriegsende – er zweifelte nie am Sieg – „in den Fehler Bismarcks verfallen“, wie er sich ausdrückte. Und dabei gesteht er doch selber ein: „Das Vaterlandsgefühl ist, selbst bei unseren Feinden, unantastbar und heilig.“ Ferry war kein Chauvinist; seine Tagebücher sind – unabhängig gesehen von ihrem Anlaß – ein Zeugnis seiner Menschlichkeit. Der Versailler Diktatfrieden hätte an Ferry keinen Befürworter gehabt. Mai.