Die Lohnkämpfe in der Textil- und Bekleidungsindustrie sind vorüber. Zwar ist in zwei wichtigen Tarifgebieten, im M.-Gladbacher und im Wuppertaler Bezirk, noch kein Abschluß erfolgt; aber hier handelt es sich nur noch um Nachhutgefechte, deren Ausgang durch die bereits erfolgten Abschlüsse von Südbaden bis Bremen präjudiziert ist. Im Gegensatz zur Bekleidungsindustrie, die bundeseinheitliche Lohntarife und Arbeitszeitabkommen hat, verhandelt und kontrahiert die Textilindustrie aus alter Tradition regional.

Ob diese Aufsplitterung nach Süd und Nord, nach Textil und Bekleidung – bei aller Anerkennung der sehr unterschiedlichen Struktur und Situation – sich bei Lohnauseinandersetzungen günstig auswirkt, ist seit eh und je umstritten. Die einheitlich geführte Industriegewerkschaft Textil-Bekleidung findet dadurch günstige Angriffspunkte, die sie mit ihrer Taktik der Schwerpunktstreiks trotz ihrer nur bei 30 v. H. der Belegschaft liegenden Mitgliederzahlen mit bemerkenswertem Erfolg und ohne besonderen finanziellen Aufwand geschickt ins Spiel brachte. Im Durchschnitt dürfte die erkämpfte Lohnerhöhung plus Lohnausgleich für den stufenweisen Abbau der Wochenarbeitszeit bei 12 bis 15 v. H. der bisherigen Tariflöhne liegen. Wie sich die Effektivklauseln sowie die verlängerten Fließbandpausen auswirken, kann erst die nächste Lohnsummenstatistik einwandfrei und genau zeigen.

Die getrennte Verhandlungsführung auf der Arbeitgeberseite ermöglichte der Gewerkschaft bereits bei dem ersten Zusammentreffen mit der Bekleidungsindustrie einen tiefen Einbruch in deren Front, der dann weitgehend die folgenden Abschlüsse in der Textilindustrie bestimmte. Auch wo man es zum Streik kommen ließ, wich das Endergebnis nur unwesentlich von diesem Anfangserfolg ab. Ihr schneller Rückzug ist deshalb der Bekleidungsindustrie nicht nur von den mitbetroffenen Textilunternehmen, sondern auch in ihren eigenen Reihen stark verübelt worden.

Der gewichtigste Kritiker dürfte jedoch der Bundeswirtschaftsminister sein, der sich um eine echte Preissenkungschance gebracht sieht, die er sich aus der Wollbaisse (Rohwollpreise 1957 bis zu 30 v. H. gesunken) und dem amerikanischen Angriff auf das deutsche Zellwollpreisniveau, der eine Senkung der Erzeugerpreise auf diesem Gebiet bis zu 20 v. H. brachte, errechnen konnte. Daraus ist nun nichts geworden. Die Hoffnungen auf Preissenkungen für den Verbraucher von Bekleidung und Wäsche sind durch die mehrstufige Lohnerhöhung hoffnungslos verbaut worden. Nur infolge der Marktenge und des Überangebotes kam es im Gegenteil nicht zu einer Preiserhöhung. Die Rendite der Betriebe wurde jedoch so entscheidend geschwächt, wie nie zuvor nach dem zweiten Weltkrieg. Vor allem ist der Spielraum für die im Hinblick auf den verschärften Wettbewerb im Gemeinsamen Markt dringlichen Investitionen in den Kalkulationen fast auf Null zusammengedrängt worden.

Wie ist das möglich gewesen? Der branchenkundige Beobachter mußte sich von vornherein bewußt sein, daß ein Streik die Konfektion besonders hart treffen würde. Auf Grund der Musterungsaufträge des Handels hatte sie mit Gewebekontrakten bis Mai abgeschlossen, deren Stornierung im Januar auf erhebliche Schwierigkeiten gestoßen wäre, wenn nicht gar unmöglich war.

Modische Gewebe sind im Gegensatz zu Profileisen nicht lagerfähig. Sie verrosten zwar nicht, aber sie sind ein Jahr später kaum noch oder nur zu einem Bruchteil des Einkaufspreises abzusetzen. Ein Streik von vier Wochen Dauer bedeutet jedoch bereits das Verpassen der Saison, die erst nach zwölf Monaten wiederkehrt. Es drehte sich also für diese so saisongebundene Industrie nicht nur um die aus einer Betriebsstillegung resultierenden Ertrags- und Kundenverluste wie in anderen Branchen, sondern um die Zerstörung des Wertes der Lagerbestände, in denen der größte Teil des Umlaufvermögens der Betriebe steckt. Da die Arbeitgeber getrennt marschierten, war auch an ein Abkommen, das dieses Risiko irgendwie auf beide Stufen verteilt hätte, nicht zu denken, so daß die Verhandlungskommission der Bekleidungsindustrie praktisch schon am zweiten Tage weich wurde. Diese so rasch geschlagene Bresche konnte nicht wieder geschlossen werden. Der Versuch wurde zwar in den Streikgebieten Hessen und Niedersachsen gemacht, blieb aber erfolglos.

Wenn damit wenigstens Ruhe für längere Zeit eingekehrt wäre. Die Atempause dauert aber – abgesehen von der in Etappen vereinbarten und im Herbst bereits beginnenden Arbeitszeitverkürzung – in der Bekleidungsindustrie nur bis Ende 1958. Da der Verhandlungsleiter der IG-Textil-Bekleidung keinen Zweifel daran ließ, daß er seine Mitglieder von der 18. bzw. 24. Stelle der Lohnskala wegbringen will, wird er, dem allgemeinen Trend folgend, von dieser Möglichkeit auch zweifellos Gebrauch machen, da bis dahin. zahlreiche andere Berufsgruppen mit den gleichen Argumenten den Keil wieder tiefer ins Arbeitgeberholz getrieben haben werden.