J.M. Wien, im April

Nachträglich sickern einige aufschlußreiche Geschichten und Eindrücke von Chruschtschows Besuch in Budapest durch. Schlaflose Nächte habe, wie er zugab, die Intervention in Ungarn den Kreml-Machthabern bereitet und viel Kopfzerbrechen; erst als man hörte, daß in Budapest Kommunisten gehängt wurden, gab’s kein Zaudern mehr. Nun, die entscheidenden Argumente für und wider den Einsatz der Roten Armee müssen Argumente der großen Politik gewesen sein; trotzdem mag so eine Nachricht, daß man da Kommunisten hängte wie andere Übeltäter, ihren Eindruck hinterlassen haben. Noch deutlich ist der Groll spürbar, den der russische Ministerpräsident gegen die ungarischen Kommunisten, die dieses Dilemma verschuldeten, empfindet. In Stalinvaros rief er aus, man sollte sich ja nicht darauf verlassen, daß die Russen im Falle einer neuen Gegenrevolution dem Regime wieder zur Hilfe eilen würden, womit offenbar den Kommunisten Angst eingejagt werden sollte.

Allerdings erklärte er in Tatabanya just das Gegenteil: „Die Streitkräfte der Sowjetunion würden jederzeit zum Kampf gegen die Provokateure zur Verfügung stehen“ hieß es ua, „die Kapitalisten sollten ihre Schweinerüssel nicht in den sozialistischen Garten tecken.“

Was mögen die Kadarleute an die Wand gemalt haben, um diesen Sinneswechsel auszulösen? / Das Echo war, trotz organisierter Sprechchöre, überall ein laues. Die im Herbst 1956 im Kampfe gefallenen ungarischen Kinder geistern als „Provokateure“ durchs Land und können ein zweites Mal nicht getötet werden.