Es mutet uns heute höchst seltsam an: Als am 20. Juli 1944 Hitler dem Anschlag des Grafen Claus Schenk von Staufenberg entging, da stellten angesehene New Yorker Zeitungen fest, kein Amerikaner werde es bedauern, daß die Bombe den "Führer" verschonst habe – denn die sie gelegt hätten, eine kleine Kaste aristokratischer Ehrgeizlinge, gehörten schließlich derselben "Verbrecherwelt" an wie der Diktator. Und es schwang in ihren Kommentaren der Gedanke mit, Hitler nehme den Alliierten nur eine schmutzige Arbeit ab, wenn er seine Widersacher nun nach dem mißlungenen Putsch liquidiere...

Der 20. Juli als Höhepunkt einer Gangsterfehde nach Chikagoer Muster – war das wirklich nur ein Mißverständnis? Eher war es wohl eine böswillige Verzerrung: Noch im Juli 1946 unterband der amerikanische Zensor eine Gedächtnissendung des Frankfurter Rundfunks zum zweiten Jahrestag des Attentates. Offensichtlich wollten es die Alliierten damals nicht wahrhaben, daß es überhaupt eine ernsthafte und ehrenhafte deutsche Opposition gegen Hitler gegeben hat...

Nun – die Tatsachen erwiesen sich als stärker; sie brachten den Tabu-Zaun der Zensoren bald zum Einsturz. Einer der ersten, der um der geschichtlichen Gerechtigkeit willen auf den innerdeutschen Widerstand gegen das Nazi-Regime hinwies, war Hans Rothfels, damals Professor für Neuere Geschichte an der University of Chicago. Schon 1948 legte er in seinem Buch "The German Opposition to Hitler" die früheste quellenmäßige und quellenkritische Würdigung der Oppositionsbewegung vor, die im Jahre darauf auch in einer deutschen Ausgabe erschien.

Die "Hindernisse auf dem Wege zur Wahrheit", die Rothfels in jenen Jahren zu überwinden hatte, sind heute weithin abgebaut. Andere sind indes – zumal in Deutschland selbst – an ihre Stelle gerückt: enge nationalistische Vorurteile und dogmatische Verstocktheit. Wo vor einem Jahrzehnt noch von einer "Widerstandsinflation" die Rede sein konnte (ein jeder wollte der Opposition angehört haben), da macht sich heute in manchen Kreisen schon wieder die umgekehrte Tendenz bemerkbar – eine Tendenz zur Bagatellisierung oder gar zur Verächtlichmachung der Widerstandsbewegung.

So ist es um so verdienstvoller, daß sich jetzt ein deutscher Verlag entschlossen hat, Rothfels’ Buch in einer Massenauflage neu herauszubringen:

Hans Rothfels, "Die deutsche Opposition gegen Hitler." Eine Würdigung. Fischerbücherei, Frankfurt am Main/Hamburg, 1958 (215 S. mit Anmerkungen, Personen- und Stichwortregister, 2,20 DM)

Das Werk ist von seinem Verfasser, der nun schon seit Jahren wieder als Ordinarius für Mittlere und Neuere Geschichte an der Universität Tübingen wirkt, in manchen Punkten auf eine breitere Quellengrundlage gestellt und in vieler Hinsicht auch vertieft worden. In der vorliegenden Ausgabe stellt es nicht nur die handlichste, sondern auch die in der Zusammenschau der Fakten vollständigste und bei aller Schärfe des Urteils ausgewogenste Studie über die deutsche Widerstandsbewegung dar.