Die vereinbarten Warenlisten lassen auf deutscher Seite manche Wünsche offen

Von Friedrich Lemmer

Die in Moskau in der vergangenen Woche paraphierten Verträge haben in den politischen Kreisen der Bundeshauptstadt ein recht positives Echo gefunden. Die „Wirtschaft“ hält sich in der Beurteilung des Handelsabkommens nebst Warenliste zurück. Sie begrüßt zwar, daß die langwierigen Verhandlungen zu einem positiven Ergebnis geführt haben, glaubt aber nicht, daß der Handelsverkehr zwischen der Bundesrepublik und der Sowjetunion durch das Abkommen einen wesentlich stärkeren Auftrieb erhalten wird. Diese Beurteilung wird verständlich und erscheint berechtigt, wenn man die Entwicklung des deutsch-russischen Warenverkehrs nicht nur während der letzten Jahre, sondern auch in früheren Zeiten überdenkt. Von amtlicher Seite wird zwar der Wortlaut des Abkommens bis zur feierlichen Unterzeichnung als geheim behandelt; aber einige Bestimmungen, die durchgesickert sind, geben einen gewissen Einblick indas Moskauer Vertragswerk.

Ziel des Handelsabkommens ist eine Verdoppelung des derzeitigen Warenaustausches zwischen der Bundesrepublik und der Sowjetunion in den drei Jahren von 1958 bis 1960. In diesem Jahr sollen Ein- und Ausfuhr der Bundesrepublik zusammen 1260 Mill. DM erreicht haben. Im Jahre 1957 führte die Bundesrepublik für 408 Mill. DM in Rußland hergestellte Waren direkt oder über dritte Länder ein und exportierte über die gleichen beiden Wege für 250 Mill. DM in die Sowjetunion. Dieses Gesamtvolumen von 658 Mill. DM entsprach also 52,4 v. H., d. h. etwa der Hälfte des Vertragsziels. Dritte Länder waren als Mittler an diesem Warenaustausch umfänglich beteiligt. Im vergangenen Jahr gelangte nicht ganz ein Drittel (128 Mill. DM) unserer Einfuhr sowjetischer Waren über dritte Länder zu uns, hauptsächlich über Großbritannien und die Niederlande. Unsere Direktausfuhr belief sich auf 220 Mill. DM. Ob das in Moskau paraphierte Handelsabkommen dazu führen wird, den Anteil des direkten Verkehrs zu vergrößern, muß abgewartet werden.

Unser Warenaustausch mit der Sowjetunion hat sich in den letzten Jahren, wie nachstehende Tabelle zeigt, gut entwickelt. Allein in den letzten vier Jahren vervierfachte sich unsere Einfuhr, und die Ausfuhr stieg auf das Fünffache.

Trotz dieser beachtlichen Steigerung spielt dieser Warenverkehr, wie die Prozentzahlen zeigen, nur eine redit geringe Rolle in unserem gesamten Außenhandel. Ist doch das Gesamtvolumen des letzten Jahres mit 658 Mill. DM nicht ganz 1 v. H. unseres gesamten Außenhandels von 67,6 Mrd. DM. Auch wenn das neue Abkommen in vollem Umfang realisiert werden würde, bleibt der Anteil des Handels mit der Sowjetunion am Gesamtvolumen unseres Außenhandels bescheiden und reicht – soweit zeitlich zu übersehen – nicht an frühere Zeiten heran.

Der Anteil bleibt gering