Kein Nachfolger in Sicht – Die Kongreßpartei vor dem Zerfall – Kommunisten werden aktiv

Von H. W. Berg

New Delhi, im April

Als Jawaharlal Nehru kürzlich am Grabe des indischen Erziehungsministers Maulana Azad stand und von dem Gefährten Abschied nahm, der ihn seit Gandhis Tod wohl der nächste Ratgeber gewesen ist, war sein Gesicht wie erloschen. Ein müder, von Trauer und Schmerz überwältigter, grenzenlos einsamer Mensch blieb zurück.

Wenige Stunden später mußte Nehru seinen Kritikern im Parlament wieder Rede und Antwort stehen, so, als sei gar nichts geschehen. Ihm oblag es, den Haushaltsplan des Finanzministers zu verteidigen, der kurz vorher wegen einer unglücklichen Manipulation seines Ministeriums zum Rücktritt gezwungen worden war und mit dem er einen seiner engsten und tüchtigsten Mitarbeiter verloren hatte.

Jetzt nun bekannte der indische Ministerpräsident, daß er in jenen Wochen, als Maulana Azad starb und Finanzminister Krishnamachari das Kabinett verließ, um Jahre gealtert sei. "Ich fühle mich matt, müde und abgenutzt", schrieb er in einem Rundbrief an die führenden Männer der Kongreßpartei und der Provinzregierungen im ganzen Lande. Auf die Frage von Journalisten, ob dieses Bekenntnis bedeute, daß er seinen Rücktritt erwäge, gab Nehru eine ausweichende Antwort. "Ich bin sehr von Launen abhängig", sagte er lächelnd und überließ es jedem, aus diesem Orakel seine eigenen Schlüsse zu ziehen.

Vor vier Jahren hat Nehru schon einmal angekündigt, daß er – jedenfalls vorübergehend – von seinen sämtlichen Ämtern zurücktreten möchte. Damals war er noch in einer Person Ministerpräsident und Führer der regierenden Kongreßpartei, Außenminister, Verteidigungsminister und Chef der wirtschaftlichen Planungsbehörde. Die Bekanntgabe seiner Rücktrittsabsichten löste damals einen einmütigen Protest fast der gesamten indischen Öffentlichkeit aus; niemand konnte sich vorstellen, wie Indien ohne seinen "Cäsar" regiert werden sollte.