Innsbruck, Anfang April

Südtirol ist in der österreichischen Öffentlichkeit wieder zum Thema Nummer eins geworden. Schuld daran ist das Urteil eines Revisionsgerichtes in Trient, das sieben Südtiroler Bauernsöhne im Alter von 18 bis 22 Jahren für viele Jahre hinter Kerkermauern brachte. Über achtzig Jahre Zuchthaus wurden verhängt; der Hauptangeklagte, Alois Ebner, erhielt lebenslängliches Zuchthaus, davon ein Jahr Einzelhaft.

Die Tat, die Anlaß zu diesem Urteil gab, liegt fast zwei Jahre zurück. Damals, an einem Augustabend des Jahres -956, saßen in einem Gasthaus des Dorfes Pfunders 14 Bauern jungen und zwei italienische Zollbeamte in Zivil kameradschaftlich zusammen. Sie tranken viel – auch eine Flasche Schnaps, die von den Italienern gestiftet worden war. Und sie sangen gemeinsam italienische Lieder.

Um Mitternacht wiesen die beiden Zollbeamten auf die Polizeistunde hin und entfernten sich. Aus ungeklärten Gründen kehrten sie aber noch einmal zurück und forderten die Bauern zum Gehen auf. Vor dem Gasthaus kam es deswegen zum Streit, in dessen Verlauf die Italiener mit Stöcken und leeren Konservendosen – „Musikinstrumenten“, mit denen die Runde zuvor Radau gemacht hatte – verprügelt wurden.

Die beiden Italiener flohen. Einer von ihnen entkam; der andere, Raimondo Falqui, wurde von den Bauernjungen eingeholt und geschlagen. Als er schon am Boden lag, versetzten sie ihm noch kräftige Fußtritte. Alois Ebner war der Hauptschläger; das hat er auch vor Gericht zugegeben. Schließlich aber ließ er von dem Italiener ab. Falqui verschwand in der Dunkelheit. Die Bauernburschen gingen nach Hause, um ihren Rausch auszuschlafen. Im Morgengrauen des neuen Tages wurde der Zollbeamte im steinigen Bett eines kleinen Baches gefunden: er war tot.

Eineinhalb Jahre danach wurde in Bozen das erste Urteil gegen sieben Angeklagte gefällt. Wegen Mordes erhielten die Südtiroler hohe Zuchthausstrafen. Der Spruch für Ebner: 24 Jahre.

Die österreichische Öffentlichkeit war bestürzt. Bundeskanzler Raab bezeichnete das Urteil als unverständlich, denn die Bozener Richter hatten in ihrer Begründung selbst erklärt, sie seien sich über die Todesursache keineswegs im klaren. Weshalb die Frage offenblieb, wie es rechtens möglich war, die Angeklagten dann wegen Mordes zu verurteilen. Die Verteidigung erhob denn auch unverzüglich Einspruch. Jetzt fällte das Trientiner Revisions-Gericht seinen Spruch. Er war noch niederschmetternder als der erste: Die Strafen wurden bis auf eine einzige Ausnahme wesentlich erhöht. Österreich ist empört...