Ein Student fragte einmal seinen Lehrer, den Mathematiker David Hilbert, ob er Dichter der Mathematiker werden will. "Dichter", antwortete der Professor. "Für einen Mathematiker haben Sie nicht genug Phantasie!"

Von Max Planck hätte Hilbert das ganz gewiß nicht gesagt; denn Planck besaß in höchstem Maße die wichtigste aller Gaben eines Wissenschaftlers – disziplinierte Vorstellungskraft. Nur ein Mann mit reicher Phantasie konnte im Verlauf von mühevollen und schwierigen Messungen und Berechnungen auf die Idee kommen, daß Licht nicht aus elektromagnetischen Wellen bestehe (wie man damals allgemein annahm), sondern aus kleinsten, nicht mehr weiter teilbaren Energiequanten – daß Licht also nicht stetig und gleichmäßig, sondern sozusagen stoßweise ausgestrahlt wird.

Ehe sich Planck endgültig für eine wissenschaftliche Laufbahn entschied, hatte er sehr ernstlich daran gedacht, Komponist zu werden. Er war ein ausgezeichneter Pianist; und zu dem von ihm später in seinem Haus in Berlin-Grunewald organisierten und dirigierten gemischten Chor gehörten Nobelpreisträger und viele berühmte Gelehrte: Otto Hahn, Heinrich Hertz der Philologe Rudolf Westphal und andere.

Seine Quantentheorie machte Max Planck am 14. Dezember 1900 in einem Vortrag vor der Physikalischen Gesellschaft in Berlin bekannt, ohne zu wissen, daß er sich damit in die schmale Gruppe der Giganten der Wissenschaft einreihte, der Männer wie Galilei, Newton und – auf einem ganz anderen Gebiet – Darwin angehören. Er konnte damals nicht wissen, daß das Plancksche Wirkungsquantum h – eine "Naturkonstante" wie beispielsweise die Lichtgeschwindigkeit – nicht nur für die Erkenntnis der Atomstruktur und der licht-elektrischen Wirkungen, für die Theorien über das Verhalten der Stoffe bei tiefsten Temperaturen, über Fluoreszenz und Phosphoreszenz, sondern weit über die Physik hinaus für viele Wissenszweige von der theoretischen Chemie bis zur Biologie von entscheidender Bedeutung sein werde. Er konnte das alles nicht wissen – aber er hat es wohl geahnt, denn schon in diesem Jahre 1900 sagte er eines Tages zu seinem Sohn Erwin: "Ich habe heute eine Entdeckung gemacht, die ebenso wichtig ist wie Newtons Entdeckung der Schwerkraft!"

In seiner Eigenschaft als Vorsitzender der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (seit 1948 Max-Planck-Gesellschaft) hatte er im Frühjahr 1933 eine Aussprache mit Adolf Hitler. Er legte damals ein gutes Wort für seine jüdischen Kollegen, besonders für Fritz Haber ein. Daß Männer wie er ihre wissenschaftlichen Arbeiten fortsetzten und sich von dem politischen Tageskampf fernhielten, brachte das Regime einigermaßen in Verlegenheit. Das geht auch aus einer Stelle in Goebbels’ Tagebuch hervor, wo es heißt, es sei auf arge Fehler des Erziehungsministers Rust zurückzuführen, wenn Männer wie Planck den Nazis gegenüber eine – gelinde gesagt – zurückhaltende Stellung einnähmen. Und es mag sehr wohl mit dieser Stellungnahme zusammenhängen, wenn der alternde Forscher trotz seinem großen Namen nicht verhindern konnte, daß im Juli 1944 sein Sohn, der Teilnahme an der Verschwörung gegen Hitler verdächtig, hingerichtet wurde.

Es ist durchaus unwahrscheinlich, daß Rust eine Änderung von Plancks Haltung hätte herbeiführen können. Denn Planck war nicht nur ein großer Gelehrter, nicht nur ein einfacher, bescheidener, gütiger Mensch und ein beliebter Lehrer, sondern bei all dem und in erster Linie ein tiefgläubiger Christ.

Christ und moderner Physiker zugleich – das mag manchem als ein Widerspruch in sich erscheinen, besonders dann, wenn er Plancks Haltung kennt angesichts der weitgehenden – allzu weitgehenden – philosophischen Schlußfolgerungen, die vielfach aus der Quantentheorie gezogen wurden. Immer wieder wurde Max Planck als Kronzeuge dafür zitiert, daß die Existenz von so etwas wie einem "freien Willen" in den Naturvorgängen erwiesen sei. Planck aber protestierte gegen diese Auffassung und erklärte, er für seine Person glaube, der Grundsatz von Ursache und Wirkung werde wieder zu Ehren kommen, wenngleich in veränderter Form.

Auch das stellt ihn in eine Gruppe mit einem Mann wie Newton: daß für ihn, den Begründer einer neuen Epoche der Naturwissenschaft, nicht (wie für so viele Epigonen) Gott durch die Gesetze der Wissenschaft verdrängt und (mehr schlecht als recht) ersetzt wurde. Wer glaubend erlebt, zu welchen materialistischen Weltkonzeptionen gerade die modernen Naturwissenschaften verführt haben, der mag es als tröstlich empfinden, einen Großen unter den modernen Naturwissenschaftlern immun zu finden gegen solche Verführungen. Friedrich O. Keller