r. g., Rot an der Rot

Zwei Bauern der oberschwäbischen Gemeinde Rot an der Rot im baden-württembergischen Landkreis Biberach mag es zumute sein wie Leuten, die im Toto einen Zwölfer ausgeknobelt, aber dann vergessen haben, den Tipschein abzugeben. Wenn die beiden am Sonnabend ein Glas Eier trinken gehen, werden sie in der Schankwirtschaft von den anderen Bauern gutmütig als Ölmagnaten aufgezogen. Vielleicht wären sie es in anderen Ländern und unter anderen Umständen tatsächlich geworden; so aber muß der eine noch immer als Holzarbeiter in den Wald gehen, weil der Acker die Familie nicht ernährt, und die Kinder des anderen tragen weiterhin Flicken an den Kleidern.

Auf den Wiesengrundstücken der beiden, jetzt einem verschlammten Gelände mit schwarzen, fluoreszierenden Pfützen, nickt der „Pferdekopf“ eines Tiefpumpenantriebs. Aus ihren Grundstücken ergießt sich Tag und Nacht das „flüssige Gold“. Aber der Geldsegen, den sie sich erhofft haben mochten, ist ausgeblieben.

Jahrelang war neben dem bayerischen Alpenvorland, wo in der Nähe von Memmingen Erdöl gefördert wird, auch das schwäbische Oberland von den Ölsuchern durchkämmt worden. Eine Versuchsbohrung bei Biberach war vor zwei Jahren erfolglos geblieben. Seit Anfang März dieses Jahres wird jedoch aus einem neuen, 1500 Meter tiefen Bohrloch – ganz in der Nähe des ersten – Erdöl gewonnen. Täglich sammeln sich in den Tanks 15 000 Liter, deren Qualität erheblich besser ist als die des norddeutschen Öls. Über die Ergiebigkeit des etwa dreißig Meter mächtigen Erdölträgers läßt sich noch nichts sagen. Jedenfalls wollen die Fachleute in der Nachbarschaft dieser Bohrstelle weitere Bohrungen vornehmen.

Nicht nur für die überwiegend bäuerliche Bevölkerung des Oberlandes, das hier in das Allgäu übergeht, ist der Gedanke an die möglichen Auswirkungen der Erdölfunde einigermaßen verwirrend. Auch den Besuchern, Erholungsuchenden und Kunstfreunden fällt es schwer, sich an die Vorstellung zu gewöhnen, daß in den abgelegenen, beschaulichen Ort mit dem Prämonstratenserkloster und der kunstgeschichtlich bemerkenswerten Kirche – in das „Himmelreich des Barocks“ – die moderne Technik eingebrochen ist.

Der Bürgermeister von Rot glaubt freilich, den Toto-Zwölfer für seine 1600 Einwohner zählende Gemeinde bereits in der Tasche zu haben. Die Gewerbesteuer, durch die das „flüssige Gold“ in kommunales Kleingeld gewechselt würde, könnte der Gemeinde die Ausstattung geben, die ihr für einen Fremdenverkehrsort noch fehlt. Und schließlich, so spekuliert der Bürgermeister weiter, würde sich auch die Errichtung einer Raffinerie in Rot lohnen und den Bauernburschen, die in zunehmender Zahl nach auswärts in die Fabriken abwandern, am Ort gute Verdienstmöglichkeiten bieten. Erdölindustrie und Fremdenverkehr würden sich nach Meinung des Bürgermeisters nicht ausschließen, da das Erdölfeld sehr isoliert auf einer Höhe vor dem Dorf liegt.

Nur die beiden „ölmagnaten“ von Rot haben von alldem nichts: Zehn Pfennig jährliche Nutzungsentschädigung für den Quadratmeter Wiese, also voraussichtlich etwa 300 Mark im Jahr – das ist bloß eine unzureichende Entschädigung und noch nicht einmal ein Trostpflästerchen für den Spott, den sie zu dem Schaden nun noch haben.