Die große Flucht aus der Zone hält an. Es vergeht kaum eine Woche, in der sich nicht neben unzähligen unbekannten Arbeitern oder Bauern irgendein prominenter Mann aus Mitteldeutschland im Westberliner Auffanglager meldet und um Asyl in der Bundesrepublik bittet... Auch der Sport ist in diesen Sog mit hineingezogen, seitdem vor knapp drei Wochen der Chef der repräsentativen sowjetzonalen Skimannschaft, Siegfried Lohfink, sein Heil in der Flucht suchte. Nun traf am letzten Wochenende der schnellste Schwimmer der Sowjetzone, Hans Zierold, in Hamburg ein, um ein neues Leben in Freiheit und Sicherheit zu beginnen.

Der Inhaber des Europarekords über 200 Meter im Schmetterlingsstil, der wohl unser stärkster Kraulschwimmer zwischen 200 und 1500 Meter sein dürfte, war Student an der Leipziger Hochschule für Körperkultur, die ihren Zöglingen alles bietet, was sich ein junger Sportler wünscht. Leider aber werden die angehenden Sportlehrer auch politisch geschult. Wer nicht vollkommen linientreu ist, hat trotz aller internationalen Erfolge keine Aussichten für die Zukunft. In erster Linie hat er ein kompromißloser politischer Kämpfer zu sein – erst dann erhält er den Titel „Verdienter Meister des Sports“, der mit vielerlei Vergünstigungen verbunden ist. Zierold erwies sich all diesen Verlockungen gegenüber gefeit. Nachdem er sich einige Male als noch nicht genügend sozialistisch gefestigt erwiesen und Pankow erregt hatte, mußte er mit nicht ungefährlichen Repressalien rechnen. Durch eine der üblichen Selbstanklagen und ein Reuebekenntnis hätte er leicht alles wieder in Ordnung bringen können. Der sowjetzonale Sport hätte ihn mit Freuden weiter zu den Seinen gezählt. Aber Zierold wollte nicht mehr.

„Dauernd diese verdammte Politik, das war mir zuviel. Ich will nicht mehr.“ Sprach’s und bestieg in Westberlin das Flugzeug nach Hamburg. Wie muß es um den Sport in der Sowjetzone bestellt sein, wenn den Aktiven so hart zugesetzt wird, nur weil sie wie Zierold bei Umzügen keine rote Fahne tragen oder auf einer Massenversammlung keine Rede halten wollen und deshalb lieber die Mutter verlassen, als sich weiter unter das politische Joch der Sportfunktionäre zu beugen. wakl