Cortina im April

Einst war ein Bauernbursch aus dem Fastatal über den Pellegrinopaß nach Süden gezogen, um am Hofe des Gotenkönigs Dietrich von 3ern seine Dienste anzubieten. Viele Jahre später kam er mit einer jungen blassen Frau wieder in seine Heimat. Er kaufte sich ein Haus, in den er sie zurückließ und ging in die Berge, um Gold zu suchen. Die zarte Südländerin aber vertrug die rauhe Bergluft nicht und der Anblick der schwarzen Felsbastionen machte sie krank. In seiner Not, nachdem ihm schon das erste Söhnlein gestorben war, suchte er in den Karen und Schrofen des Rosengartens den Zwergenkönig Laurin auf und erbat von ihm Hilfe. In einer Vollmondnacht stand er dann mit der Frau auf dem Söller seines Hauses und sah wie von zarten Händen gewobene Netze über Zinnen und Zacken fallen. So wurden die Dolomiten weiß.

So erzählen sich die Ladiner die Sage von der Entstehung ihrer weißen Heimatberge. Das Volk der Ladiner ist eines der ältesten im gesamten Alpenraum; älter als die Bajuwaren, älter als die Römer, mit den Etruskern verwandt und wie diese keine Indogermanen.

Das Fassatal ist sicherlich eines der schönsten Alpentäler. Vom Sellajoch und von derMarmolada dehnt es sich östlich des Rosengartens nach Süden aus. Seine Hauptorte sind Canazei, Moëna das ehemalige Miliera), Vigo di Fassa und Pedrazzo. Vom Pordoijoch erblickte ich auf einer Klettertour zum erstenmal das Fassatal. Vor mir rasten die Bergriesen Langkofel mit Grohmannspitze, Fünffingerspitze und Innerkoflerturm in den azurblauen Himmel, dann folgten Almen, ein schmalem Gürtel Föhrenwald, und drunten im breiten Tale leuchteten die Felder im hellsten Grün. Als ich dann am nächsten Tag über Alba und Pera auf das Contrinhaus ging, kam ich an einer Tamba (Almhütte) vorbei, wo uns der Senne, eine alter Ladiner, zu seinem Maisbrei einlud, und spät am Abend noch stieg ich in den alten Stellungen und Unterständen der k. u. k. Kaiserjäger am Ombrettapaß herum, die hier gegen die Alpini gekämpft hatten.

Und weiter südlich, wo die neue Dolomitenstraße zwischen Rosengarten und Latemar die Paßhöhe erreicht, wo der Sage nach zu König Laurins Zeiten der See des Vergessens lag, schaut man heute in die dunkelgrünen Wasser des Karersees, in dem sich an klaren Tagen die Zacken des Latemar spiegeln; Wenn auch die große Dolomitenstraße von Cortina über den Falzaregopaß nach Bozen von einer unaufhörlichen Flut von Fahrzeugen verstopft scheint, so hat sie dennoch nicht vermocht, das Fassatal ganz der Vergessenheit zu entreißen. Wenige Meter abseits des hellen Straßenbandes ist das Land wie eh und je, nur hier und da von Hirten und Bauern betreten oder von einem Bergsteiger, der lieber von hoch oben auf das aus dieser Sicht schneckenhafte Kriechen der Autos hinabsieht.

Die wenigsten wohl, die über den Brenner oder über den Großglockner und die Dolomitenstraße nach Verona, Venedig, Florenz und Rom fahren, kennen mehr von dem Land um Etsch und Eisack, als sie vom Zug oder von der Straße aus sehen können. Vielleicht erinnern sie sich später noch an eine Burg, an einen bestimmten Kirchturm oder an einen markanten Berg – aber weil sie nie aus dem Zug oder aus dem Auto herauskamen, außer um sich die Füße zu vertreten, ist ihnen alles verborgen geblieben von dem, was dieses mit Naturwundern und Schönheiten beschenkte Land bieten könnte.

In Brixen, Bozen, Meran oder Cortina kann man dem Strom der „Fremden“ nicht entgehen. Aber nur ein wenig abseits, drinnen in den Tälern, im Grödnertal, im Fassatal und auf der Seiser Alm ist es einsam und unberührt. Hier, wo Nord und Süd unter schneebedeckten Gipfeln und zerklüfteten Felswänden zusammentreffen, beginnt das stille Gebiet der Bergsteiger und Wanderer. Über sanft gewellte Hochflächen und Almwiesen, wo man die seltensten und herrlichsten Alpenblumen findet, führen die einsamen alten Paßwege, wie sie noch vor dem Bau der großen Dolomitenstraße benutzt wurden.

Wanderer, die am Abend vor einer Hütte den Sonnenuntergang erlebten und sich bei einem Gläschen Kalterer die alten Lieder der Tiroler Bergführer anhörten, würden nicht tauschen mit denen, die ihre Urlaubsabende in einer Bozner Bar verbringen oder an einem einzigen Urlaubstage ganz Südtirol „mitnehmen“. Rupert Kerer