D. L., London, im April

Kaum jemand in den Kreisen der britischen Politik und Wirtschaft erwartete, daß der Schatzkanzler Heathcoat Amory mit seinem Budget am 15. April eine definitive Antwort auf die Frage „Ist die Inflation überwunden?“ geben würde. Die Inflation war und ist keine Erscheinung, die ihren Ausgang von einem besonderen Boom, wie während des Korea-Krieges, oder von einer tiefgehenden Krise, wie der Suez-Zwischenfall, nahm; sie entstand in der Zeit der Überbeschäftigung aus dem Unvermögen von Regierung und Sozialpartnern, die Prosperität der Wirtschaft mit den Expansionsmöglichkeiten abzustimmen. Wirksame Gegenoperationen wurden durch parteipolitische Erwägungen, die im Wahljahr 1955 den Einsatz deflationistischer Maßnahmen gefährlich herauszögerten, durch außenpolitische Fehler und schließlich durch eine Vertrauenseinbuße des Auslands in die Sterlingwährung erschwert.

Im letzten Jahr ist es der britischen Regierung durch eine scharfe Erhöhung des Diskontsatzes und rigorose Kredit- und Konsumbeschränkungen gelungen, das Vertrauen in Sterling zu stärken. Der Großbritannien aufgezwungene Kurswechsel in der Auseinandersetzung mit Ägypten hat ein weiteres Abfließen der Gold- und Dollareserven verhindert. Die britische Wirtschaft ist unter dem Eindruck der amerikanischen Recessionund der damit verursachten allgemeinen ausländischen Deflation bei einheimischer Inflation stabiler geworden, wenngleich eine leichte inflatorische Dosis immer noch wirksam ist.

Unter diesen Umständen konnte das Budget 1958 nicht günstiger ausfallen; denn der Schatzkanzler mußte in seine Planungen notgedrungen drei innerlich widersprechende Ziele einbauen: Gewerkschaften und Arbeitgeber mußten durch die Beibehaltung eines deflationistischen Budgets vor weiteren Lohrexperimenten gewarnt werden, der Wirtschaft mußten gewisse neue Möglichkeiten zu expansiver Betätigung gegeben und endlich die konservative Gefolgschaft überzeugt werden, daß die Regierung in ihrem Kampf gegen die Inflation Boden gewonnen hat.

Keine der sich aus dem Budget ergebenden Konsequenzen ändert viel an der vertrauten Struktur der britischen Nachkriegswirtschaft, und man fragt sich in Britannien, ob der vor einigen Monaten erfolgte Rücktritt des „Eisernen“ Schatzkanzlers Thorneycroft, der zweifellos dem Prestige der britischen Regierung nicht förderlich war, wirklich notwendig gewesen sei. Vielleicht war dieser Rücktritt gerade notwendig, um ein Budget nach dem Konzept Thorneycrofts zu formen. Die Einnahmerückgänge im ganzen Rechnungsjahr werden auf 108 Mill. £ geschätzt und enthalten vornehmlich auch die Vereinfachung und Reduktion der während des Krieges eingeführten Verkaufssteuer und der Ermäßigung der Vergnügungssteuer für Lichtspielhäuser. Andere Erleichterungen kommen Pensionären und Invaliden zugute; Ländern des Commonwealth, aber auch westeuropäischen Staaten, wurde durch eine kleine Senkung des Zolls auf schwere Weine (Porter und Sherry) geholfen. Der Industrie wurde durch Erhöhung der Abschreibungsmöglichkeit im Anschaffungsjahr auf 25 v. H. für Maschinen und 12 1/2 v. H. für Gebäude geholfen. Die bisherige Steuer von 30 v. H. auf den ausgeschütteten und 3 v. H. auf den vorgetragenen Gewinn wurde einheitlich auf 10 v. H. festgelegt, nachdem sich die Regierung überzeugen konnte, daß die bisherige Besteuerung der Dividende lediglich dazu führte, daß die Industrie ihre Gewinne anderweitig „verschwendete“.

Auch die britische Opposition findet an dem Budget sehr wenig Angriffsfläche und verlagert daher ihre Kritik auf eine Ebene, die von den Konservativen sarkastisch als „Wirtschaftsmetaphysik“ bezeichnet wird und der Labour-Party das vielzitierte Kompliment eingebracht hat, ganz ausgezeichnete Theoretiker in ihren Reihen zu haben. Ihrer Forderung nach positiver Expansion trotz oder gerade wegen der Inflationsgefahr stellt der Schatzkanzler die Ansicht entgegen, daß es zunächst einmal gründlicher Ordnung der Finanzen mit entsprechenden Goldreserven und einer disziplinierten Wirtschaft bedarf, ehe man in das Risiko einer neuen Expansionsphase bei bestehender Vollbeschäftigung eintreten kann. Die Fronten der Ansichten haben sich in den letzten zehn Jahren sichtlich verkehrt.

Für die Konservativen wird das kommende Wirtschaftsjahr ein Prüfstein sein; denn 1959 ist ein Wahljahr. Wie die letzten Nachwahlen deutlich zeigten, haben sich die Reihen ihrer Anhänger gelichtet. Besonders in den letzten Monaten hat sich eine Entwicklung abgezeichnet, die eine andere Alternative als den Labour-Sozialismus anbietet: einen neuen, noch nicht kompromittierten und sehr selbständigen Liberalismus.