Am ersten Morgen nach meiner Ankunft in Bagdad las ich folgende Geschichte in der Zeitung: Ein Mann stand vor Gericht, weil er seine Nichte getötet hatte. Das junge Mädchen war bald nach der Heirat ihrem Mann davongelaufen und hatte einen losen Lebenswandel begonnen. Zwei Jahre später traf der Onkel sie in der Wohnung einer Verwandten – er griff kurzerhand zum Beil und erschlug die Nichte. Der Mörder wurde in jener Gerichtsverhandlung zu nur vier Jahren Gefängnis verurteilt, und – noch weit erstaunlicher – die Eltern der Ermordeten dankten dem Mörder dafür, daß er die befleckte Ehre der Familie wiederhergestellt habe. Und dies in einer Stadt, die immer großstädtischer wird, und in einem Lande, dessen Oberschicht anscheinend – oder scheinbar? – so westlich lebt wie irgendeiner von uns.

Man muß sich hin und wieder vor Augen führen, wie anders die Welt der Araber ist, ihre Gesetze und Spielregeln, um nicht der Versuchung zu verfallen, voraussagen zu wollen, wohin die Entwicklung diese Länder führen wird, deren Reaktionen so ganz unberechenbar sind. Und es wäre doch schließlich sehr wichtig zu wissen, denn jener Teil der Welt hat heute die Rolle übernommen, die der Balkan bis zum ersten Weltkrieg spielte; was dort geschieht, wird also für unser Schicksal von entscheidender Bedeutung sein.

Aber es ist schon schwer genug, die Gegenwart richtig zu interpretieren. Das hatte ich eben in Syrien sehr deutlich gesehen, wo Nasser die KP auflöste, deren Führer Bagdasch sich mit Familie nach Moskau absetzte, während zur gleichen Zeit ein halbes Dutzend sowjetischer Flugzeuge mit sechzig russischen Experten in Damaskus eintraf, um Syrien aus der Luft zu vermessen.

Da hatten nun die Leute seit langem den syrischen Hang zum Kommunismus angeprangert, aber als die Sowjets schließlich in Syrien ihr „Netz an Land holen“ wollten, schwammen die Fische ab in Richtung Arabische Union. Und während Nasser nun die Armee reorganisiert – wobei etwa sechzig Offiziere ausgebootet wurden, zumeist wegen ihrer kommunistischen Einstellung –, läuft das sowjetische Handelsabkommen weiter, und Skoda-Wagen rollen in großer Zahl ins Land. Wer soll da mit unseren Maßstäben beurteilen, was daraus wird?

Die zweite Arabische Union, die Irak und Jordanien vereint, wird im allgemeinen in recht oberflächlicher und hochfahrender Weise als Zusammenschluß mittelalterlich-feudaler Regime abgetan. Und dies, wie mir scheint, zu unrecht. Genauso unberechtigt, wie man die Syrier als Kommunisten brandmarkte und Nasser einfach als faschistischen Imperialisten bezeichnet. Freilich sagte mir gelegentlich auch ein Iraker, der in scharfer Opposition zur jetzigen Regierung in Bagdad steht: „Sie haben Ihren Kaiser Wilhelm nach Hause geschickt, Ägypten hat sich Faruks entledigt, Italien hat seinen König ausgebootet, warum sollen wir mit diesem altmodischen Regime vorliebnehmen? Was wir wollen, ist eine moderne und soziale Gesellschaft.“ Viele Intellektuelle denken so. Ihnen erscheint das herausfordernde, forsche, ereignisreiche, revolutionäre Regime Nassers unendlich viel lockender als das hausbackene, solide, glanzlose Regiment der Haschemiten und das Polizeisystem Nuri Saids – obgleich in Ägypten gewiß nicht weniger Leute im Gefängnis sitzen, nur eben andere.

Wenn man nach sechs Jahren den Irak wiedersieht, erscheint einem die Vorstellung mittelalterlich-feudal recht abwegig. Saudi-Arabien und der Jemen gehören zweifellos in diese Kategorie, aber beim Irak sind gerade die Fortschritte, die wirtschaftliche Stabilität und die Ausgewogenheit das, was in die Augen fällt. Das Einkommen aus der Ölproduktion, die planmäßige und sachkundige Verwaltung dieser Gelder gibt dem Land – anders als der Ägyptisch-Syrischen Union – die Möglichkeit, große langfristige Investitionen durchzuführen.

Im Jahre 1958/59 rechnet die irakische Regierung mit 80 Millionen Dinar (also fast einer Milliarde DM) Öl-Royalties, die wie alljährlich zu 70 v. H. sogleich und vorab an das Developement Board überwiesen werden. Dem Developement Board gehören sieben Persönlichkeiten an, von denen laut Gesetz drei Experten sein müssen (Finanz-, Wirtschafts- und Bewässerungsfragen). Sie entwerfen im Rahmen eines Fünfjahresplanes das Programm der Investitionen und, was sehr wichtig ist, sie können nur gemeinsam entscheiden und nur gemeinsam Aufträge vergeben; eine Bestimmung, die wahrscheinlich die Grundlage für jene Feststellung bietet, die ich immer wieder von In- und Ausländern bestätigt bekam: Es gibt so gut wie keine Korruption im Irak.

Statistische Experten haben errechnet, daß das Volkseinkommen zwischen 1950 und 1957 sich nahezu verdoppelt hat – eine enorme Leistung, die aber erklärlich ist, wenn man bedenkt, daß 1950 nur 6,5 Millionen Tonnen Öl gefördert mirden und man in diesem Jahr mit etwa 35 Millionen Tonnen rechnet. Aber nicht nur große langfristige Anlagen sind erstellt worden, auch das Volk lebt sehr viel besser. Heute wird pro Kopf der Bevölkerung doppelt soviel Zucker und Tee verbraucht wie 1950.