Damals habe ich es nicht gemerkt (und mit Beschämung gestehe ich’s ein), daß hier mehr als ein Anekdötchen erzählt wurde. Aber immerhin habe ich’s nicht vergessen, wie der alte Planck, in eine Sofaecke gelehnt, ein paar jungen Leuten, die wegen eines bestimmten Vortrags als Gäste der „Mittwochsgesellschaft“ zugelassen waren, die Geschichte zum Besten gab, die gleich darauf unter dem berlinischen Titel „Klavia un Jeije“ die Runde bei den Verehrern des großen Mannes machte.

Das Thema des Vortrags, den Planck nicht hielt, ist weggewischt aus dem Gedächtnis. Nicht aber das Bild des Mannes mit der Brille, den freundlichen, alltagsabgewandten Blicken und der leisen Stimme.

Es wurde von der Wahrscheinlichkeit gesprochen, wonach in jeder Generation das Maß und die Summe der Begabungen doch wohl gleich groß seien. Wieso aber – es war ein magerer, fahrig erscheinender junger Mann, offenbar ein Student kurz vorm Examen, der diese Frage in den Kreis scheu diskutierender Altersgenossen warf – wieso gab es einmal ein Halbjahrhundert der Malerei, wie zur Zeit der Renaissance-Blüte, ein andermal eins der Musik, wie in den Jahren der deutschen Klassik?

Und plötzlich erzählte Planck dies, was ich damals für eine Anekdote hielt und dennoch nie vergaß.

Er habe, sagte Planck, Musiker werden wollen, Pianist. Es sei dies aber die Zeit gewesen, da allgemein noch nicht die Kunde von neuen Möglichkeiten der Musik ins Bewußtsein der Gebildeten gedrungen sei, am wenigsten ins Bewußtsein des damals jungen Planck, der musikalisch im Gebiet der Klassik und Romantik zu Hause gewesen sei; ein Gebiet mit schönen, edlen, abgeschlossenen Wänden. Ergo hätte man zu jener Zeit glauben können, wenn man Musiker würde, auch ein Musiker, und nichts als ein Musiker wie viele andere Musiker vorher, sein Lebtag zu bleiben. Zu neuen Ufern aber lockte die Physik: ein Reich ohne Wände. Und eben deshalb habe sich’s ergeben, daß Physik „nicht nebenbei“ zu treiben sei; die Musik, das in sich „abgeschlossene Reich“, besitze der musikalisch Empfindsame ja ohnehin ...

Und hier nun hatte Planck ein reizendes, vielleicht ein bißchen selbstironisches Altherrenlächeln und sagte: Eines Tages sei er im Gespräch mit Einstein darauf gekommen, daß es ihm, der die Geige spielte, genauso ergangen sei. Er habe hinterm Bruckschen Violin-Konzert nichts denkbar Neues an Möglichkeiten geahnt; aber da war die Physik, und geigen, herzhaft und sogar virtuos geigen, das konnte er, nachdem er’s viele Jahre lang mit heißem Eifer und bei guten Lehrern geübt hatte, „ja sowieso...“

Bei dem damals verfemten Namen Einsteins sahen die jungen Leute den alten Planck starr und bewundernd an. Und er fuhr fort: „Wir haben dann auch zusammengespielt: Klavier und Geige.“ Und es war etwas Sarkastisches um seine Mundwinkel, als er’s sagte, denn er kannte sicherlich das berlinische Wort: ‚Klavia un Jeije – janz jroß...‘