Neubau ist die radikalste Form der Rationalisierung“, das war der Leitgedanke der Klöckner-Werke AG, als sich das Unternehmen vor vier Jahren entschloß, ein modernes Hüttenwerk bei Bremen zu errichten. Damit ist eine Entscheidung getroffen worden, die in den nächsten Jahrzehnten das Gesicht des Konzerns maßgeblich formen und die sicherlich eines Tages den Schwerpunkt der Klöckner-Gruppe entgegen der im Revier verankerten Tradition an das Meer verlegen wird. Hier ist das erste „nasse“ Klöckner-Werk im Werden, das neben dem in Haspe, Osnabrück und Troisdorf trocken sitzendem Stahlkonzern die zukunftsträchtige Säule des Unternehmens darstellt, und zwar sowohl hinsichtlich der Standortwahl als auch im Hinblick auf die in Bremen vorgenommene Konzentration des Erzeugungsprogramms auf Flachstahl.

Die erste Baustufe der Klöckner-Hütte Bremen AG ist jetzt vollendet Im Stahlwerk stehen drei SM-Öfen mit einem Abstichgewicht von je 250 t unter Feuer. Der Hochofen ist noch im Bau; der erste Abstich soll im Herbst stattfinden. Die jetzt angelaufene Walzwerkskapazität umfaßt eine Stripperhalle, eine Tiefofenanlage, eine Blockbrammenstraße, die Grobblech- sowie die kontinuierliche Breitbandstraße, ein Kaltwalzwerk und eine Verzinnungsanlage. Die Breitbandstraße ist in ihren Abmessungen die größte Anlage in Deutschland. Die Bandbreite reicht bis zu 1,88 m bei einem maximal. Bundgewicht von 18 t und Bandstärken von 1,2 bis 10 Millimeter. Im Kaltwalzwerk kann das Feinblech von 60 bis 120 cm Breite bis auf 0,2 mm heruntergewalzt werden (Bundgewicht 18 t), oder es können Bandstärken von 0,5 bis 2 mm bei Breiten bis zu 1,85 m erreicht werden. Die Produktion in der Bremer Hütte ist reibungslos angelaufen. Seit dem Juni des vergangenen Jahres sind bis heute 200 000 t Rohstahl, 165 000 t Vorbrammen (hauptsächlich für den Export bestimmt), 40 000 t Grobbleche, 20 000 t Feinbleche erzeugt worden, und 10 000 t Coils haben bisher die seit Januar in Betrieb genommene Breitbandstraße verlassen.

Die Rohstahlkapazität des Werkes liegt gegenwärtig bei 500 000 t pro Jahr. Die Konzernproduktion wird sich damit auf 2,3 bis 2,5 Mill. t erhöhen. In der Endausbaustufe sollen allein in Bremen vier Mill. t Rohstahl erzeugt werden. Das ist eine Zahl, die noch in weiter Ferne liegt, aber bereits bei der Planung mußte dieses dem langfristigen Stahltrend entsprechende Ziel berücksichtigt werden. Klöckner hat in Bremen auf dem zehn Mill. qm großen Gelände ausreichende Ausdehnungsmöglichkeiten. Die Anlagen haben einen imponierenden Zuschnitt, bei dem der amerikanische Pate nicht zu verkennen ist. Mit dem drittgrößten Stahlerzeuger der Vereinigten Staaten, der Republic Steel Corporation hatte Klöckner im November 1956 einen gegenseitigen Beratungs- und Erfahrungsaustauschvertrag abgeschlossen, der sich hauptsächlich auf die Inbetriebsetzung und Weiterentwicklung des Hüttenwerkes in Bremen erstreckt.

Wer heute einen Rundgang durch das weitläufige Werksgelände unternimmt, gewinnt den Eindruck einer großartigen Leistung, die sowohl in der technischen Durchführung wie in der finanziellen Bewältigung des Projektes liegt. Es sind noch keine drei Jahre her, seit dort die Aufschließung des Geländes in Angriff genommen worden ist; erst im März 1956 begannen die eigentlichen Fundamentierungsarbeiten. Heute steht an dieser Stelle nach einem Investitionsaufwand von insgesamt 360 Mill. DM das modernste Hüttenwerk der Bundesrepublik. Dieses nur im übertragenen Sinn „auf der grünen Wiese“ errichtete Werk – denn die Bremer Hütte steht im öden Sandgelände –, hat mit seinem Investitionsaufwand pro Tonne Rohstahl einen unvergleichlich günstigen Stand. Während nach einer Faustregel 1000 DM aufgewendet werden müssen, um eine Tonne Rohstahl zu erzeugen (kürzlich sind von einem anderen Stahlunternehmen sogar 1400 DM angegeben worden), ist die Klöckner-Hütte in Bremen mit 700 DM ausgekommen. Die Finanzierung des Projekts (360 Mill. DM Gesamtkosten) erfolgt zu 40 v. H. mit Eigen- und zu 60 v. H. mit Fremdmitteln.

In der relativ niedrigen Investitionssumme schlägt sich eine Reihe von Vorteilen nieder, die die Wahl des Standortes Bremen, von dem es heute heißt, daß er schlechthin „ideal“ sei, mitbeeinflußt haben. Erz, Kohle und Öl kommen auf seegehenden Schiffen unmittelbar in das Werk. Schrott, Kalk, Dolomit und Erdgas stehen im norddeutschen Raum zur Verfügung. Die Ruhrkohle kann auf dem Binnenwasserweg die Hütte erreichen.

Für die Rohstoffanfuhr steht bis zur Fertigstellung des neuen Klöckner-Hafens ein Schleusenhafen für 10 000 t-Schiffe zur Verfügung. Der 1,6 km lange neue Hafen soll für Schiffsgrößen bis zu 25 000 t ausgebaut werden. Die Weser ist über den Küsten- und Mittellandkanal an das Kanalsystem des Rhein-Ruhr-Netzes angeschlosssn. Durch einen eigenen Tarifbahnhof hat das Hüttenwerk einen direkten Anschluß an das Netz der Deutschen Bundesbahn. Das Werk liegt auch in unmittelbarer Nähe zahlreicher Großverbraucher von Flachstahl, namentlich von Schiffs- und Qualitätsblechen, ist also für die Werftindustrie des norddeutschen Raumes der gegebene Lieferant. Der Standort des Werkes ist weiterhin besonders günstig gelegen für die Abnehmer Mittel- und Ostdeutschlands und die Belieferung des Weltmarktes. Nmn.