Von Werner Helwig

Es hat sich heute im Bereich der Literatur die Gepflogenheit der textkritischen Ausgaben durchgesetzt. In diesem Sinne hat uns schon lange eine gleichsam bildkritisch zu nennende Publikation der gesamten auf europäischem Boden ermittelten Steinzeitkunst mit ihren vielen verschiedenen „Bildlesearten“ gefehlt. Waren wir bisher mit den Veröffentlichungen des Altmeisters der Frühzeitkunde, Hoernes („Urgeschichte der bildenden Kunst in Europa“, Wien 1915), zufrieden, so haben die überaus günstigen Funde der letzten drei Dezennien uns doch oft Wünsche nach neuen stilkritischen Vergleichsmöglichkeiten nahegelegt.

Diese Bequemlichkeit (man kann schließlich nicht zu jeder der frischen Fundstätten hinreisen, um die Dinge für sich, quasi privatim, einzuordnen) bietet uns nun eine Veröffentlichung:

Paolo Graziosi: „Die Kunst der Altsteinzeit.“ Kohlhammer Verlag, Stuttgart. 158 S., 38 Strichzeichnungen und 2 Karten, 300 Kunstdrucktafeln; 148,– DM.

Der Italiener, der neben dem Deutschen Herbert Kühn zu den bedeutendsten lebenden Experten der Vorgeschichte, der Anthropologie und Ethnologie, zu zählen ist, wird uns damit nun auf Deutsch zugänglich. Sein schön hergestellter, großformatiger Band ermöglicht uns eine Übersicht, die wir sonst nicht leicht zusammenbrächten.

Eingereiht wurden von Graziosi schlechthin alle Kunsterzeugnisse nicht nur Mittel-, Südwest- und Osteuropas, sondern auch des Mittelmeerraumes. Das Buch setzt uns instand, die frühesten Zeichenübungen, an denen das Wachstum der menschlichen Seele abzulesen ist, gleichsam graphologisch zu ergründen. Die Eleganz der Kurven, die hohe Bewußtheit der Linienführung läßt uns allerdings häufig an einer Entwicklung, wie sie etwa Haeckel verstanden wissen wollte, zweifeln. Vielmehr scheint es, als ob der „Urtext“ der menschlichen Person sich immer gleichgeblieben sei und lediglich ihre Artikulationen zugenommen hätten.

Vielleicht war das, was wir Seele nennen, von dem Augenblick an fixiert, da es sein Vorhandensein erst im Porträt und später im Selbstporträt ertastete. So sind auch die vielen neugefundenen Bildnisköpfe in Graziosis Buch – seien sie plastisch oder mit routiniert skizzenhafter Ritzzeichnung „hingeworfen“ – von erschütternder Eindringlichkeit. Wir beugen uns über einen 40 000 Jahre tiefen Brunnen und erkennen uns wie in einem schwarzen Spiegel.